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Die gepanzerte Staatskarosse des früheren Bundeskanzlers Helmut Kohl wurde von dem deutschen Pavillon platziert. Foto © la Biennale di Venezia
Germany’s Ex-Topmodels
Von Thomas Wagner
15. Juni 2014
Die gepanzerte Staatskarosse des früheren Bundeskanzlers Helmut Kohl ist vorgefahren. Der Fahnenmast ist beflaggt, der rote Teppich ausgerollt. Schon vor dem deutschen Pavillon wird es offiziell. Als ganz und gar staatstragend erweist sich die Sache dann doch nicht, auch wenn Monika Grütters, die aktuelle Staatsministerin für Kultur und Medien, dem 1938 unter nationalsozialistischer Ägide von Ernst Haiger umgestalteten und aus Gewohnheit heftig umstrittenen Gehäuse zur Eröffnung noch vor der offiziellen Eröffnung einen Besuch abstattete.

Die Architekten Alex Lehnerer und Savvas Ciriacidis, die beide an der ETH Zürich unterrichten, haben den Bau nämlich mit einem anderen Gebäude wie mit einer Farce gefüllt. Schon der Titel „Bungalow Germania“ legt nahe, was da ineinandergeschoben und übereinander geblendet wird. Nicht irgendein Gebäude, sondern einen Nachbau des öffentlichen Teils des 1964 von Sep Ruf gestalteten Kanzlerbungalows aus der ehemaligen, räumlich und zeitlich ferngerückten Bundeshauptstadt Bonn vermischt sich mit dem Nationenpavillon. Der von Ludwig Erhard in Auftrag gegebene Bungalow ist seit 1999 nicht mehr in Gebrauch. Seitdem stellt er sich selbst aus – als Symbol einer demokratischen Bundesrepublik, die mit der Wiedervereinigung untergegangen ist. Der Pavillon in den venezianischen Giardini bildet das Gegenstück. Er stammt aus den dreißiger Jahren, repräsentiert bis heute den totalitären Machtanspruch und die Ehrfurcht gebietende Größe des Nationalsozialismus. 1964 wurde auch er umgebaut und erhielt im Inneren seine heutige Gestalt.

Das Ergebnis ist verblüffend, verstörend und vielschichtig. Der modernistische, im International Style errichtete Bungalow aus Glas, Stahl, Ziegeln und Holz, der sich Mies van der Rohes „Barcelona Pavillon“ zum Vorbild nimmt, schreibt sich dem inkriminierten deutschen Pavillon in den Giardini ein – und umgekehrt. Alles in den ineinander verkeilten Bauten ist intakt. Die Wände aber durchdringen und überschneiden sich wie die Repräsentationsformen grundverschiedener politischer Systeme. Raumhohe Glastüren aus Aluminiumprofilen lassen sich beiseite schieben, der offene Innenhof des Bungalows passt überraschend gut in die Apsis des Pavillons und dessen helle, hohe Räume wirken mit einem Mal wie ein Echo der Moderne.

Besonders irritiert, dass die Räume selbst da noch harmonisch miteinander zu verschmelzen scheinen, wo eine Wand des Pavillons den Blick durch eine Glasfront des Bungalows blockiert oder ein weißes Ledersofa grotesk von einer anderen durchtrennt wird. Immer wieder kommt es einem so vor, als ob die beiden Häuser von jeher zusammengehörend, aufeinander abgestimmt gewesen wären. Was ist hier Innen-, was Außenraum? Welches Gebäude absorbiert das andere? Was repräsentieren die ineinander verkeilten Bauten? Nicht weniger irritierend wirkt die Kollision der beiden Gebäude auf die politische Instrumentalisierung von Architektur zurück.

Zurecht stellt Philip Ursprung im Katalog die Frage, ob, was hier stattfindet, „die Repräsentation einer dysfunktionalen Repräsentationsarchitektur“ sei, gekoppelt an zwei Gebäude, die beide für den Zweck nationaler Repräsentation geschaffen wurden, wenn auch in sehr verschiedenem Geist. Wucht und Monumentalität des Pavillons werden dabei ebenso infrage gestellt wie die Offenheit und gläserne Transparenz des Bungalows. Wodurch im Raum wahrnehmbar und sehr konkret erfahrbar wird, dass und wie beide, Diktatur und Demokratie in Deutschland, ihre jeweiligen architektonischen Repräsentationsformen ideologisch aufladen. Gerade weil hier keine Thesen auf Papier gebannt, sondern mit gebauter Architektur experimentiert wird, sticht das Projekt aus der Masse des in Venedig Gezeigten heraus. Was ganz nebenbei beweist: Architektur lässt sich sehr wohl ausstellen.


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Das Vordach des Kanzlerbungalows schwebt etwas verloren hinter Säulen. Foto Bas Princen, © CLA
Der offene Innenhof des Bungalows passt überraschend gut in die Apsis des Pavillons.
Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Blick auf den Kanzlerbungalow mit der Plastik von Bernhard Heiliger "Die drei Grazien", 1989.
Foto © Bundesregierung / Foto: Lothar Schaack, Plastik von Bernhard Heiliger: © 2014, ProLitteris
Wo Wände harmonisch miteinander zu verschmelzen scheinen, entstehen teilweise groteske Situationen.
Foto © Robert Volhard, Stylepark
Nicht weniger irritierend wirkt die Kollision der beiden Gebäude auf die politische Instrumentalisierung von Architektur zurück. Foto Bas Princen, © CLA
Durch das zehn Meter hohe Eingangsportal tritt man in den Pavillon und steht unvermittelt im niedrigen Innenraum des Bungalows. Foto Bas Princen, © CLA
News & Stories › 2014 › Juni
Germany’s Ex-Topmodels
von Thomas Wagner | 15. Juni 2014
Mit „Bungalow Germania“ haben Alex Lehnerer und Savvas Ciriacidis einen der besten Beiträge der Biennale und ein irritierendes Lehrstück zur politischen Instrumentalisierung von Architektur realisiert.
Die gepanzerte Staatskarosse des früheren Bundeskanzlers Helmut Kohl ist vorgefahren. Der Fahnenmast ist beflaggt, der rote Teppich ausgerollt. Schon vor dem deutschen Pavillon wird es offiziell. Als ganz und gar staatstragend erweist sich die Sache dann doch nicht, auch wenn Monika Grütters, die aktuelle Staatsministerin für Kultur und Medien, dem 1938 unter nationalsozialistischer Ägide von Ernst Haiger umgestalteten und aus Gewohnheit heftig umstrittenen Gehäuse zur Eröffnung noch vor der offiziellen Eröffnung einen Besuch abstattete.

Die Architekten Alex Lehnerer und Savvas Ciriacidis, die beide an der ETH Zürich unterrichten, haben den Bau nämlich mit einem anderen Gebäude wie mit einer Farce gefüllt. Schon der Titel „Bungalow Germania“ legt nahe, was da ineinandergeschoben und übereinander geblendet wird. Nicht irgendein Gebäude, sondern einen Nachbau des öffentlichen Teils des 1964 von Sep Ruf gestalteten Kanzlerbungalows aus der ehemaligen, räumlich und zeitlich ferngerückten Bundeshauptstadt Bonn vermischt sich mit dem Nationenpavillon. Der von Ludwig Erhard in Auftrag gegebene Bungalow ist seit 1999 nicht mehr in Gebrauch. Seitdem stellt er sich selbst aus – als Symbol einer demokratischen Bundesrepublik, die mit der Wiedervereinigung untergegangen ist. Der Pavillon in den venezianischen Giardini bildet das Gegenstück. Er stammt aus den dreißiger Jahren, repräsentiert bis heute den totalitären Machtanspruch und die Ehrfurcht gebietende Größe des Nationalsozialismus. 1964 wurde auch er umgebaut und erhielt im Inneren seine heutige Gestalt.

Das Ergebnis ist verblüffend, verstörend und vielschichtig. Der modernistische, im International Style errichtete Bungalow aus Glas, Stahl, Ziegeln und Holz, der sich Mies van der Rohes „Barcelona Pavillon“ zum Vorbild nimmt, schreibt sich dem inkriminierten deutschen Pavillon in den Giardini ein – und umgekehrt. Alles in den ineinander verkeilten Bauten ist intakt. Die Wände aber durchdringen und überschneiden sich wie die Repräsentationsformen grundverschiedener politischer Systeme. Raumhohe Glastüren aus Aluminiumprofilen lassen sich beiseite schieben, der offene Innenhof des Bungalows passt überraschend gut in die Apsis des Pavillons und dessen helle, hohe Räume wirken mit einem Mal wie ein Echo der Moderne.

Besonders irritiert, dass die Räume selbst da noch harmonisch miteinander zu verschmelzen scheinen, wo eine Wand des Pavillons den Blick durch eine Glasfront des Bungalows blockiert oder ein weißes Ledersofa grotesk von einer anderen durchtrennt wird. Immer wieder kommt es einem so vor, als ob die beiden Häuser von jeher zusammengehörend, aufeinander abgestimmt gewesen wären. Was ist hier Innen-, was Außenraum? Welches Gebäude absorbiert das andere? Was repräsentieren die ineinander verkeilten Bauten? Nicht weniger irritierend wirkt die Kollision der beiden Gebäude auf die politische Instrumentalisierung von Architektur zurück.

Zurecht stellt Philip Ursprung im Katalog die Frage, ob, was hier stattfindet, „die Repräsentation einer dysfunktionalen Repräsentationsarchitektur“ sei, gekoppelt an zwei Gebäude, die beide für den Zweck nationaler Repräsentation geschaffen wurden, wenn auch in sehr verschiedenem Geist. Wucht und Monumentalität des Pavillons werden dabei ebenso infrage gestellt wie die Offenheit und gläserne Transparenz des Bungalows. Wodurch im Raum wahrnehmbar und sehr konkret erfahrbar wird, dass und wie beide, Diktatur und Demokratie in Deutschland, ihre jeweiligen architektonischen Repräsentationsformen ideologisch aufladen. Gerade weil hier keine Thesen auf Papier gebannt, sondern mit gebauter Architektur experimentiert wird, sticht das Projekt aus der Masse des in Venedig Gezeigten heraus. Was ganz nebenbei beweist: Architektur lässt sich sehr wohl ausstellen.


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