transparent_layer
db-images/cms/banner/img/l2_v369288_958_728_90-1.jpg
Blättern: First Back
von 2139 Forward End
Das Ausstellungsdesign ist eine Hommage an Bakemas Architektur: Es erinnert an das Lijnbaan Einkaufszentrum in Rotterdam, das von Bakemas Büro „Van den Broek en Bakema“ zwischen 1949 und 1953 gebaut wurde. Foto © la Biennale di Venezia
Der Traum einer offenen Gesellschaft
Von Adeline Seidel
20. Juni 2014
„Open“ prangt in weißen Lettern auf dem Niederländischen Pavillon, und an der Eingangstür lockt die Aufschrift: „A Bakema Celebration“. Im Niederländischen Pavillon wird gefeiert – aber nicht hundert Jahre Moderne mit all ihren nationalen Protagonisten, Ideen und Bauwerken des Landes. Die Schau in Venedig widmet sich einzig und allein dem Wirken und Schaffen von Jacob Berend „Jaap“ Bakema (1914 bis 1981).

Und wie die Kuratoren Guus Beumer, Direktor des „Het Nieuwe Instituuts“ in Rotterdam und Dirk van den Heuvel, Leiter des „Jaap Bakema Study Centers“ den Architekten feiern! Schon das Ausstellungsdesign ist eine Hommage an Bakemas Architektur. Also findet man sich unter einem Vordach wieder, blickt hier in Schaufenster, dort auf eine Bank oder einen Kiosk. Die Ausstellungsinstallation aus hellen, unbehandelten Holzlatten erinnert an das Lijnbaan Einkaufszentrum in Rotterdam, das von Bakemas Büro „Van den Broek en Bakema“ zwischen 1949 und 1953 gebaut wurde. Und so wandelt man von Schaufenster zu Schaufenster, das jeweils ein Aspekt von Bakemas Schaffen präsentiert. Man betritt einen „Laden“, schaut einen Film und lässt sich auf Bänken und Hockern nieder, die alle wie stereotype Gebäude der Nachkriegsmoderne wirken. Es ist erstaunlich, wie gut sich diese Modell-Architektur oder dieses Architekturmodell als Sitzgelegenheit oder Regal verwenden lässt.

Jaap Bakema war, so vermittelt es die Schau, ein Mensch voller Energie, stets angetrieben von dem Wunsch, mittels Architektur die gebaute Grundlage für eine offene, demokratische Gesellschaft zu schaffen. Er liebte es, leidenschaftlich über diese Vorstellung zu diskutieren und entsprechend intensiv kommunizierte er mit Kollegen, Politikern und der Öffentlichkeit. Letzteren brachte er seine Ideen unter andrem durch seine eigene Fernsehsendung „Van Stoel tot Stad“ (Vom Stuhl zur Stadt) näher. Diskussion mit Kollegen suchte er als Mitglied von „Team 10“ und neben Herman Hertzberger und Aldo van Eyck als Redaktionsmitglied der niederländischen Architekturzeitschrift „Forum“. Bakemas persönliches Archiv – besonders die Korrespondenzen der „Post Box for the Development of the Habitat“, die er 1959 am Ende der „Congrès International d’Architecture Moderne“, kurz CIAM, ins Leben rief – erweist sich als ein wunderbarer Schatz, der in der Ausstellung zu entdecken ist.

In einem Brief von Siegfried Giedion an Bakema etwa ist zu lesen: „(...) Doch die ständige Verzerrung der CIAM Tatsachen und die Selbstheroisierung des TEAM X in verschiedenen Aufsätzen konnte, darin gebe ich Sert und Gropius vollkommen recht, auf Dauer nicht mehr hingenommen werden. (...)“. Auch Gropius ist empört darüber, dass sich die Architekten der Nachkriegsmoderne als Erfinder einer Architektur ausgeben, die soziale Verantwortung übernehme. Die „erste“ Moderne, die Avantgarde, so verdeutlicht Bakemas Archiv, streitet sich mit den Protagonisten der Nachkriegsmoderne über die Kommerzialisierung modernistischer Ideale und Ideologien.

Bakema selbst hat es hingegen geschafft, die Ideen der Avantgarde mit denen des Mainstream zu kombinieren und zu versöhnen. Sicher, er war Idealist, zugleich aber auch Realist genug, um seine Ideen in einer Vielzahl von Bauvorhaben Wirklichkeit werden zu lassen. „Er stand also immer auch mit den Füßen im Schlamm“, beschreibt Guus Beumer die Situation, in der sich Jaap Bakema befand. Erklärtes Ziel des Architekten war es, eine „offene Gesellschaft“ zu ermöglichen, und dafür war es notwendig, dass seine Ideen in der breiten Masse Anklang fanden.

Bakema selbst betrachtete seine Gebäude- und Siedlungsentwürfe nicht aus einer ästhetisch-formalen Perspektive, sondern sah in ihnen einen Beitrag für eine Gesellschaft ohne Hierarchien, in der jeder seine individuellen Vorstellungen vom Leben verwirklichen konnte. Das aber – und das ist für das Verständnis von Bakemas Architektur entscheidend – ist nur möglich, wenn man die persönlichen Lebensumstände immer auch im gesellschaftlichen Kontext betrachtet. Oder, wie es Frans Hooijkaas, einer der Mitarbeiter Bakemas, ausdrückte: “Demokratie bedeutet nicht, das jeder das bekommt was will. Sondern Demokratie bedeutet, das man im Rahmen dessen agiert, der allen erlaubt, sich optimal zu entfalten.“

Doch auch in diesem Fall folgt auf ein rauschendes Fest eine Katerstimmung. Zurück bleibt die schmerzhafte Frage, ob die Bauten der Nachkriegsmoderne – und damit eine Architektur, die von den Institutionen des Sozialstaates geprägt wurde – die Kommerzialisierung der Architektur vorangetrieben hat. Wer die Bilder und Filme betrachtet und die Texte liest, die in der Ausstellung gezeigt werden, den beschleicht ein ums andere Mal der Verdacht, auch sie lockten mit dem obligatorischen, immer gleichen Versprechen, wie man sie von Lifestyleprodukten her kennt: Diese Architektur macht es für jedem möglich, das eigene Leben noch individueller, noch freier zu gestalten. Ein Versprechen, mit dem heute Immobilienfonds und -entwickler für ihre Projekte werben. Wäre individuelle Selbstverwirklichung tatsächlich der einzige gemeinsame Nenner einer Gesellschaft, dann stellte eine solche Gesellschaft das Gegenteil dessen dar, was Bakema als „Open Society“ beschrieben hat. Sie wäre in sich geschlossen und exklusiv. Und auch dafür hat die Architektur entsprechende Ausdrucksformen entwickelt.


Weitere Artikel zur 14. Architekturbiennale
Die Fundamente des Rem Koolhaas
Architekturkunde in Museum und Archiv
Italienische Verhältnisse
Wer die Moderne verstehen will, muss sich über sie lustig machen
Germany’s Ex-Topmodels
Bitte anfassen
Das Uhrwerk der Moderne
Die Moderne und ihr Onkel
Import – Export
Das Fensteruniversum des Charles Brooking
Mit der Aufschrift „Open“ heißt der Niederländische Pavillon die Besucher willkommen. Foto © Het Nieuwe Instituut
Das EInkaufszentrum Lijnbaan in Rotterdam. Foto © Steef Zoetmulder / Nederlands Fotomuseum
Jaap Bakema beim Team 10 Treffen in Bonnieux, 1977. Foto © Smithson Family Collection
Wohnschema für Lekkumerend in Leeuwarden, Niederlande, 1962. Zeichnung © Het Nieuwe Instituut
Modellfoto des Marler Rathauses in Deutschland, 1957. Foto © Het Nieuwe Instituut
Modellfoto des Rathauses von Terneuzen, Niederladen, 1962. Foto © Het Nieuwe Instituut
Korrespondenzen der „Post Box for the Development of the Habitat“. Fotos © Adeline Seidel, Stylepark
Die Ausstellungsarchitektur wirkt wie ein abstraktes Modell des Lijnbaan Einkaufszentrums in Rotterdam. Foto © Adeline Seidel
Die "Schaufenster" präsentieren jeweils einen Aspekt von Bakemas Schaffen. Foto © Het Nieuwe Instituut
Die Ausstellungsarchitektur wirken wie stereotype Gebäude der Nachkriegsmoderne. Und es ist erstaunlich, wie gut sich diese Modell-Architektur oder dieses Architekturmodell als Sitzgelegenheit oder Regal verwenden lässt. Foto © Het Nieuwe Instituut
Architektur › 2014 › Juni
Der Traum einer offenen Gesellschaft
von Adeline Seidel | 20. Juni 2014
Im Pavillon der Niederlande wird Jaap Bakema gefeiert und mit ihm die Errungenschaften einer Nachkriegsmoderne, deren Architektur durch die Institutionen des Sozialstaates geformt wurde.
„Open“ prangt in weißen Lettern auf dem Niederländischen Pavillon, und an der Eingangstür lockt die Aufschrift: „A Bakema Celebration“. Im Niederländischen Pavillon wird gefeiert – aber nicht hundert Jahre Moderne mit all ihren nationalen Protagonisten, Ideen und Bauwerken des Landes. Die Schau in Venedig widmet sich einzig und allein dem Wirken und Schaffen von Jacob Berend „Jaap“ Bakema (1914 bis 1981).

Und wie die Kuratoren Guus Beumer, Direktor des „Het Nieuwe Instituuts“ in Rotterdam und Dirk van den Heuvel, Leiter des „Jaap Bakema Study Centers“ den Architekten feiern! Schon das Ausstellungsdesign ist eine Hommage an Bakemas Architektur. Also findet man sich unter einem Vordach wieder, blickt hier in Schaufenster, dort auf eine Bank oder einen Kiosk. Die Ausstellungsinstallation aus hellen, unbehandelten Holzlatten erinnert an das Lijnbaan Einkaufszentrum in Rotterdam, das von Bakemas Büro „Van den Broek en Bakema“ zwischen 1949 und 1953 gebaut wurde. Und so wandelt man von Schaufenster zu Schaufenster, das jeweils ein Aspekt von Bakemas Schaffen präsentiert. Man betritt einen „Laden“, schaut einen Film und lässt sich auf Bänken und Hockern nieder, die alle wie stereotype Gebäude der Nachkriegsmoderne wirken. Es ist erstaunlich, wie gut sich diese Modell-Architektur oder dieses Architekturmodell als Sitzgelegenheit oder Regal verwenden lässt.

Jaap Bakema war, so vermittelt es die Schau, ein Mensch voller Energie, stets angetrieben von dem Wunsch, mittels Architektur die gebaute Grundlage für eine offene, demokratische Gesellschaft zu schaffen. Er liebte es, leidenschaftlich über diese Vorstellung zu diskutieren und entsprechend intensiv kommunizierte er mit Kollegen, Politikern und der Öffentlichkeit. Letzteren brachte er seine Ideen unter andrem durch seine eigene Fernsehsendung „Van Stoel tot Stad“ (Vom Stuhl zur Stadt) näher. Diskussion mit Kollegen suchte er als Mitglied von „Team 10“ und neben Herman Hertzberger und Aldo van Eyck als Redaktionsmitglied der niederländischen Architekturzeitschrift „Forum“. Bakemas persönliches Archiv – besonders die Korrespondenzen der „Post Box for the Development of the Habitat“, die er 1959 am Ende der „Congrès International d’Architecture Moderne“, kurz CIAM, ins Leben rief – erweist sich als ein wunderbarer Schatz, der in der Ausstellung zu entdecken ist.

In einem Brief von Siegfried Giedion an Bakema etwa ist zu lesen: „(...) Doch die ständige Verzerrung der CIAM Tatsachen und die Selbstheroisierung des TEAM X in verschiedenen Aufsätzen konnte, darin gebe ich Sert und Gropius vollkommen recht, auf Dauer nicht mehr hingenommen werden. (...)“. Auch Gropius ist empört darüber, dass sich die Architekten der Nachkriegsmoderne als Erfinder einer Architektur ausgeben, die soziale Verantwortung übernehme. Die „erste“ Moderne, die Avantgarde, so verdeutlicht Bakemas Archiv, streitet sich mit den Protagonisten der Nachkriegsmoderne über die Kommerzialisierung modernistischer Ideale und Ideologien.

Bakema selbst hat es hingegen geschafft, die Ideen der Avantgarde mit denen des Mainstream zu kombinieren und zu versöhnen. Sicher, er war Idealist, zugleich aber auch Realist genug, um seine Ideen in einer Vielzahl von Bauvorhaben Wirklichkeit werden zu lassen. „Er stand also immer auch mit den Füßen im Schlamm“, beschreibt Guus Beumer die Situation, in der sich Jaap Bakema befand. Erklärtes Ziel des Architekten war es, eine „offene Gesellschaft“ zu ermöglichen, und dafür war es notwendig, dass seine Ideen in der breiten Masse Anklang fanden.

Bakema selbst betrachtete seine Gebäude- und Siedlungsentwürfe nicht aus einer ästhetisch-formalen Perspektive, sondern sah in ihnen einen Beitrag für eine Gesellschaft ohne Hierarchien, in der jeder seine individuellen Vorstellungen vom Leben verwirklichen konnte. Das aber – und das ist für das Verständnis von Bakemas Architektur entscheidend – ist nur möglich, wenn man die persönlichen Lebensumstände immer auch im gesellschaftlichen Kontext betrachtet. Oder, wie es Frans Hooijkaas, einer der Mitarbeiter Bakemas, ausdrückte: “Demokratie bedeutet nicht, das jeder das bekommt was will. Sondern Demokratie bedeutet, das man im Rahmen dessen agiert, der allen erlaubt, sich optimal zu entfalten.“

Doch auch in diesem Fall folgt auf ein rauschendes Fest eine Katerstimmung. Zurück bleibt die schmerzhafte Frage, ob die Bauten der Nachkriegsmoderne – und damit eine Architektur, die von den Institutionen des Sozialstaates geprägt wurde – die Kommerzialisierung der Architektur vorangetrieben hat. Wer die Bilder und Filme betrachtet und die Texte liest, die in der Ausstellung gezeigt werden, den beschleicht ein ums andere Mal der Verdacht, auch sie lockten mit dem obligatorischen, immer gleichen Versprechen, wie man sie von Lifestyleprodukten her kennt: Diese Architektur macht es für jedem möglich, das eigene Leben noch individueller, noch freier zu gestalten. Ein Versprechen, mit dem heute Immobilienfonds und -entwickler für ihre Projekte werben. Wäre individuelle Selbstverwirklichung tatsächlich der einzige gemeinsame Nenner einer Gesellschaft, dann stellte eine solche Gesellschaft das Gegenteil dessen dar, was Bakema als „Open Society“ beschrieben hat. Sie wäre in sich geschlossen und exklusiv. Und auch dafür hat die Architektur entsprechende Ausdrucksformen entwickelt.


Weitere Artikel zur 14. Architekturbiennale
Die Fundamente des Rem Koolhaas
Architekturkunde in Museum und Archiv
Italienische Verhältnisse
Wer die Moderne verstehen will, muss sich über sie lustig machen
Germany’s Ex-Topmodels
Bitte anfassen
Das Uhrwerk der Moderne
Die Moderne und ihr Onkel
Import – Export
Das Fensteruniversum des Charles Brooking