transparent_layer
db-images/cms/banner/img/l1_v369373_958_728_90-1.jpg
Blättern: First Back
von 2143 Forward End
Eine humorvolle Kritik der Moderne: Das Modell der Villa Arpel aus dem Film „Mon oncle“ von Jacques Tati im französischen Pavillon. Foto © France Pavilion
Die Moderne und ihr Onkel
Von Thomas Wagner
17. Juni 2014
Versprechen sind eine feine Sache. Man hört sie gern und muss darauf vertrauen, dass sie auch eingelöst werden. Versprechen beziehen ihre Spannung also daraus, ob auch tatsächlich Realität wird, was versprochen wurde. Bei einem Witz verhält es sich umgekehrt. Entlädt sich die Spannung dessen, was uns erzählt wird, nicht unmittelbar in der Pointe, ist der Witz nichts wert. Kurz: Was der Witz verspricht, muss er sofort realisieren, sonst ist es keiner.

Etwas in der Art muss Jean-Louis Cohen, dem Kurator des französischen Pavillons, durch den Kopf gegangen sein, als er von Rem Koolhaas’ Leitfrage „Absorbing Modernity“ hörte. Die Reaktion fällt dementsprechend aus. Cohen stellt die Frage „La Modernité, Promesse ou Menace?“ nämlich mit Hilfe von Jacques Tati und dessen Film „Mon oncle“ von 1958, dessen satirischer Blick Faszination und Unbehagen an der Moderne wunderbar auszubalancieren weiß. „Mon Oncle“ wurde zu Tatis größtem Erfolg; der Film gewann 1958 den Sonderpreis der Jury bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes und ein Jahr später den Oscar für den besten fremdsprachigen Film.

Im Beitrag Frankreichs wird somit amtlich: Die Moderne braucht, wollen wir sie begreifen, als kritischen Widerpart einen Onkel, wie Monsieur Hulot einer ist. Einen, der dem Fortschritt und dessen Segnungen mit respektvoller Ungeschicklichkeit begegnet und auf diese Weise spielerisch deren Versprechungen auf ihren Realitätsgehalt hin prüft. Dass dies zu grotesken Situationen und jeder Menge Slapstick führt, versteht sich von selbst. Schlaglichtartig erhellt es die Tendenz der Moderne, die Bedürfnisse des Menschen einem abstrakt-technischen Fortschrittsmodell unterzuordnen. Für Monsieur Hulot, den Onkel des neunjährigen Gérard, der mit seinen Eltern – der Vater ist Generaldirektor einer Kunststofffabrik, seine Mutter kümmert sich hingebungsvoll um den automatisierten Haushalt – in einem modernen Haus in einem Neubaugebiet wohnt, sind Standardisierung, Serienfertigung, Massenproduktion und besonders die Automation des Wohnens ein stetiger Quell von Konflikten, die sich in urkomischen Situationen entladen. Wird das Garagentor von einer Lichtschranke gesteuert, muss der Hund diese nur auslösen, und schon sitzt der Hausherr fest. Gnadenlos deckt der Onkel, ein sympathischer Dilettant, die ökonomisch-sozialen Folgen auf, die aus der technischen Wunderkiste der Moderne entsprungen sind.

Damit das gelingen kann, braucht es in Monsieur Hulot nicht nur einen Widerpart des Neuen Menschen, es bedarf im Film auch eines entsprechenden Settings und einer möglichst authentischen Architektur. Diese hat mit der Villa Arpel für „Mon oncle“ der Künstler Jacques Lagrange geschaffen. Lagrange war der Sohn eines Werkarchitekten von Citroën, sein Bruder war Architekt und er selbst war verheiratet mit der Tochter von Gustave Perret, der mit seinem Bruder Auguste – er wurde durch den Wiederaufbau von Le Havre berühmt – ein Pionier des Stahlbetonbaus war.

Als der Film herauskam, waren die Architekten entsprechend empört über die Persiflage der heiligen Wohnmaschine. Nun steht das 1:10-Modell der Filmvilla Arpel aus dem Pariser Architekturmuseum im zentralen Raum des Pavillons Frankreichs. Wäre sie nicht nur eine Filmkulisse, der kubische Bau mit seinen großen Glasfenstern, Lamellen und Bullaugen würde heute ohne weiteres als „Klassiker der Moderne“ durchgehen, stünde unter Denkmalschutz und würde restauriert werden. Nebst der Gartenanlage mit ihren geometrischen Mustern und dem Delphin-Springbrunnen.

Das lustige Spiel von „Mon oncle“ verdeutlicht aber nicht nur eine kritische Perspektive, es ist eng mit dem Aufstieg des Ingenieurs und der Abwertung des Baumeisters traditioneller Prägung verbunden. Entsprechend rücken denn auch die Ambivalenzen in den Vordergrund, mit denen wir der Moderne heute begegnen. Der „utopische Elan“, der in Frankreich deutlicher als anderswo ausgeprägt ist, offenbart seine Widersprüche und Fallstricke. Das Projekt der „Modernité“ schwankt bedenklich zwischen Versprechen und Drohung, Traum und Alptraum.

Ratifiziert und vertieft wird die kritisch-satirische Perspektive in drei weiteren Räumen, die das Modell der Filmvilla einrahmen. Hier erscheint Jean Prouvé als Künstleringenieur, hier werden modernistische Großprojekte gezeigt und das Bauen mittels vorgefertigter Teile beleuchtet, schließlich war der Traum von intelligenten Wohnsystemen, von Fertighäusern und deren seriellen Herstellung wegweisend und wurde nicht zufällig von Großmeistern der Architektur wie Le Corbusier und Jean Prouvé verfolgt.

Flankiert wird die Ausstellung durch eine Publikation, die exemplarisch 101 geplante oder realisierte Gebäude vorstellt, die zwischen 1914 und 2014 entstanden sind und die „kreative Dynamik“ modernen Bauens in Frankreich ebenso belegen sollen wie die Notwendigkeit, dieses Erbe zu bewahren. Vorgestellt werden beispielsweise Robert Mallet-Stevens „Villa de Noailles“ von 1924 ebenso wie das „Maison Tristan Tzara“ von Adolf Loos von 1925, die „Villa Savoye“ von Le Corbusier und Pierre Jeanneret von 1931 sowie Auguste Perrets Rekonstruktion von Le Havre von 1944. Der Bogen reicht bis zu Lacaton/Vassals „Maison Lapatie“ von 1993 und Frank Gehrys „Fondation Louis Vuitton“ von 2014.

Indem die Ausstellung beides, Versprechen und Bedrohung vorführt, gelingt ihr der schwierige Spagat zwischen satirischer Kritik und Dokumentation. Weil die Moderne auch zur Lachnummer wird, gibt sie sich als Ideologie zu erkennen. Plötzlich erscheint der Ingenieur als Produzent einer Technik, die den Menschen eher zum Narren macht, als ihm zu dienen. Dafür kann der französische Pavillon nicht genug gelobt werden. Selten waren moderne Architektur und ihre grotesken Folgen so unterhaltsam vereint. Chapeau!


Weitere Artikel zur 14. Architekturbiennale
Die Fundamente des Rem Koolhaas
Architekturkunde in Museum und Archiv
Italienische Verhältnisse
Wer die Moderne verstehen will, muss sich über sie lustig machen
Germany’s Ex-Topmodels
Bitte anfassen
Das Uhrwerk der Moderne
Import – Export
Der Traum einer offenen Gesellschaft
Das Fensteruniversum des Charles Brooking
Im französischen Pavillon deckt Jacques Tatis Film „Mon oncle“ die ökonomisch-sozialen Folgen auf, die aus der technischen Wunderkiste der Moderne entsprungen sind. Foto © Robert Volhard, Stylepark
Es lebe der vollautomatisierte Haushalt und das moderne Haus im Neubaugebiet: Ausschnitt aus dem Film „Mon oncle“ von Jacques Tati. Foto © Les films de Mon oncle
Jean-Louis Cohen, der Kurator des französischen Pavillons fragt: „Die Moderne, Versprechen oder Bedrohung?“.
Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Kapitelseite „Concrete, the Radiation of French Thought and Creation in the World” aus dem Buch „Cent ans de béton armé" von 1949. Foto © Droits réservés
Die Villa Arpel aus dem Film „Mon oncle“ wurde von Jacques Lagrange entworfen. Foto © Adeline Seidel, Stylepark
Jean Prouvé in einer Vorlesung am Conservatoire National des Arts et Métiers (CNAM), 1968. Foto © Edmond Remondino, courtesy of Dominik Remondino
Fertigteile entworfen von Jean Prouvés. Foto © Adeline Seidel, Stylepark
Modell der Siedlung "La Muette" in Drancy (1932-1934), entworfen von den Architekten von Marcel Lods, Eugène Beaudouin und Vladimir Bodiansky. Foto © Adeline Seidel, Stylepark
Architektur › 2014 › Juni
Die Moderne und ihr Onkel
von Thomas Wagner | 17. Juni 2014
Im Pavillon Frankreichs residiert ein lustiger Onkel. Er heißt Hulot, stammt von Jacques Tati und zeigt auf lustige Weise, was in der Welt der Moderne so alles schief laufen kann.
Versprechen sind eine feine Sache. Man hört sie gern und muss darauf vertrauen, dass sie auch eingelöst werden. Versprechen beziehen ihre Spannung also daraus, ob auch tatsächlich Realität wird, was versprochen wurde. Bei einem Witz verhält es sich umgekehrt. Entlädt sich die Spannung dessen, was uns erzählt wird, nicht unmittelbar in der Pointe, ist der Witz nichts wert. Kurz: Was der Witz verspricht, muss er sofort realisieren, sonst ist es keiner.

Etwas in der Art muss Jean-Louis Cohen, dem Kurator des französischen Pavillons, durch den Kopf gegangen sein, als er von Rem Koolhaas’ Leitfrage „Absorbing Modernity“ hörte. Die Reaktion fällt dementsprechend aus. Cohen stellt die Frage „La Modernité, Promesse ou Menace?“ nämlich mit Hilfe von Jacques Tati und dessen Film „Mon oncle“ von 1958, dessen satirischer Blick Faszination und Unbehagen an der Moderne wunderbar auszubalancieren weiß. „Mon Oncle“ wurde zu Tatis größtem Erfolg; der Film gewann 1958 den Sonderpreis der Jury bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes und ein Jahr später den Oscar für den besten fremdsprachigen Film.

Im Beitrag Frankreichs wird somit amtlich: Die Moderne braucht, wollen wir sie begreifen, als kritischen Widerpart einen Onkel, wie Monsieur Hulot einer ist. Einen, der dem Fortschritt und dessen Segnungen mit respektvoller Ungeschicklichkeit begegnet und auf diese Weise spielerisch deren Versprechungen auf ihren Realitätsgehalt hin prüft. Dass dies zu grotesken Situationen und jeder Menge Slapstick führt, versteht sich von selbst. Schlaglichtartig erhellt es die Tendenz der Moderne, die Bedürfnisse des Menschen einem abstrakt-technischen Fortschrittsmodell unterzuordnen. Für Monsieur Hulot, den Onkel des neunjährigen Gérard, der mit seinen Eltern – der Vater ist Generaldirektor einer Kunststofffabrik, seine Mutter kümmert sich hingebungsvoll um den automatisierten Haushalt – in einem modernen Haus in einem Neubaugebiet wohnt, sind Standardisierung, Serienfertigung, Massenproduktion und besonders die Automation des Wohnens ein stetiger Quell von Konflikten, die sich in urkomischen Situationen entladen. Wird das Garagentor von einer Lichtschranke gesteuert, muss der Hund diese nur auslösen, und schon sitzt der Hausherr fest. Gnadenlos deckt der Onkel, ein sympathischer Dilettant, die ökonomisch-sozialen Folgen auf, die aus der technischen Wunderkiste der Moderne entsprungen sind.

Damit das gelingen kann, braucht es in Monsieur Hulot nicht nur einen Widerpart des Neuen Menschen, es bedarf im Film auch eines entsprechenden Settings und einer möglichst authentischen Architektur. Diese hat mit der Villa Arpel für „Mon oncle“ der Künstler Jacques Lagrange geschaffen. Lagrange war der Sohn eines Werkarchitekten von Citroën, sein Bruder war Architekt und er selbst war verheiratet mit der Tochter von Gustave Perret, der mit seinem Bruder Auguste – er wurde durch den Wiederaufbau von Le Havre berühmt – ein Pionier des Stahlbetonbaus war.

Als der Film herauskam, waren die Architekten entsprechend empört über die Persiflage der heiligen Wohnmaschine. Nun steht das 1:10-Modell der Filmvilla Arpel aus dem Pariser Architekturmuseum im zentralen Raum des Pavillons Frankreichs. Wäre sie nicht nur eine Filmkulisse, der kubische Bau mit seinen großen Glasfenstern, Lamellen und Bullaugen würde heute ohne weiteres als „Klassiker der Moderne“ durchgehen, stünde unter Denkmalschutz und würde restauriert werden. Nebst der Gartenanlage mit ihren geometrischen Mustern und dem Delphin-Springbrunnen.

Das lustige Spiel von „Mon oncle“ verdeutlicht aber nicht nur eine kritische Perspektive, es ist eng mit dem Aufstieg des Ingenieurs und der Abwertung des Baumeisters traditioneller Prägung verbunden. Entsprechend rücken denn auch die Ambivalenzen in den Vordergrund, mit denen wir der Moderne heute begegnen. Der „utopische Elan“, der in Frankreich deutlicher als anderswo ausgeprägt ist, offenbart seine Widersprüche und Fallstricke. Das Projekt der „Modernité“ schwankt bedenklich zwischen Versprechen und Drohung, Traum und Alptraum.

Ratifiziert und vertieft wird die kritisch-satirische Perspektive in drei weiteren Räumen, die das Modell der Filmvilla einrahmen. Hier erscheint Jean Prouvé als Künstleringenieur, hier werden modernistische Großprojekte gezeigt und das Bauen mittels vorgefertigter Teile beleuchtet, schließlich war der Traum von intelligenten Wohnsystemen, von Fertighäusern und deren seriellen Herstellung wegweisend und wurde nicht zufällig von Großmeistern der Architektur wie Le Corbusier und Jean Prouvé verfolgt.

Flankiert wird die Ausstellung durch eine Publikation, die exemplarisch 101 geplante oder realisierte Gebäude vorstellt, die zwischen 1914 und 2014 entstanden sind und die „kreative Dynamik“ modernen Bauens in Frankreich ebenso belegen sollen wie die Notwendigkeit, dieses Erbe zu bewahren. Vorgestellt werden beispielsweise Robert Mallet-Stevens „Villa de Noailles“ von 1924 ebenso wie das „Maison Tristan Tzara“ von Adolf Loos von 1925, die „Villa Savoye“ von Le Corbusier und Pierre Jeanneret von 1931 sowie Auguste Perrets Rekonstruktion von Le Havre von 1944. Der Bogen reicht bis zu Lacaton/Vassals „Maison Lapatie“ von 1993 und Frank Gehrys „Fondation Louis Vuitton“ von 2014.

Indem die Ausstellung beides, Versprechen und Bedrohung vorführt, gelingt ihr der schwierige Spagat zwischen satirischer Kritik und Dokumentation. Weil die Moderne auch zur Lachnummer wird, gibt sie sich als Ideologie zu erkennen. Plötzlich erscheint der Ingenieur als Produzent einer Technik, die den Menschen eher zum Narren macht, als ihm zu dienen. Dafür kann der französische Pavillon nicht genug gelobt werden. Selten waren moderne Architektur und ihre grotesken Folgen so unterhaltsam vereint. Chapeau!


Weitere Artikel zur 14. Architekturbiennale
Die Fundamente des Rem Koolhaas
Architekturkunde in Museum und Archiv
Italienische Verhältnisse
Wer die Moderne verstehen will, muss sich über sie lustig machen
Germany’s Ex-Topmodels
Bitte anfassen
Das Uhrwerk der Moderne
Import – Export
Der Traum einer offenen Gesellschaft
Das Fensteruniversum des Charles Brooking