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Hereinspaziert in den Pavillon der Russischen Föderation! Foto © Andrea Avezzù, Courtesy la Biennale di Venezia
Wer die Moderne verstehen will, muss sich über sie lustig machen
Von Thomas Wagner
10. Juni 2014
Ist es tatsächlich wahr? Wen interessiert das schon. Sicher indes ist, dass Anton Kalgaev, Brendan McGetrick, Daria Paramonova und das Strelka Institute for Media, Architecture and Design unter dem Titel „Fair Enough“ den Pavillon der Russischen Föderation in einen Riesenspaß und zugleich in eine kritische Revision der Moderne verwandelt haben. Spätestens wenn man über dem Balkon am Hinterausgang des Pavillons die Leuchtschrift mit dem Slogan „Russia’s Past, Our Present“ liest, versteht man, dass hier die russische Architektur der letzten hundert Jahre für ein globales Publikum aufbereitet wird – oder besser: deren Versprechen für die Gegenwart reaktiviert werden. Wo andere beflissen Rem Koolhaas’ thematische Klammer ausfüllen und auf Papier oder im Modell untersuchen, was die Moderne in ihrem Land so alles absorbiert hat und wie sie selbst absorbiert wurde, bringen die Russen das globale Spiel mit Moderne und Architektur mit Witz und Hintersinn auf den Punkt. Der Neue Mensch, die Moderne hat ihn sich erträumt, jetzt ist er Wirklichkeit. Wer will da noch abseits stehen.

Statt abermals eine Meistererzählung voller Heroen zu bestätigen oder zu widerlegen, werden aus der Perspektive der Gegenwart heraus die Konsequenzen vorgeführt: die globale Moderne als Expo und Messe. Anders gesagt: Die Moderne endet in der Ökonomisierung von allem und jedem. Konsum und Marketing haben Ideen und Sehnsüchte in global verfügbare Waren verwandelt. Das imaginäre Angebot aber ist reichhaltig und verlockend und verspricht die Lösung vieler Probleme. Das klingt trocken, ist es aber keineswegs.

Was es da nicht so alles zu erleben gibt! Hat man erst einmal Metalldetektor und Empfang mit Hostess passiert, so findet man sich in einer veritablen Messearchitektur wieder. Stand reiht sich an Stand. Das Design ist wohl durchdacht und professionell ausgeführt. Die „Prefab Corp“ mit dem Namen „Re-Use“ verspricht eine nachhaltige Versorgung mit vorgefertigten Teilen. Am Stand von „Estetika Ltd.“ findet man unter dem Namen „Eternal Russian“ Architekturelemente in Russischem oder Neo-Russischem Stil. „Narkomfin“, ein revolutionäres Wohnprojekt aus den 1920er Jahren, verspricht ein Leben in Gemeinschaft samt Wellness, und „Khidekel Elements“, eine Non-Profit-Organisation, vermarktet unter #suprematismforhumanity einfache, „Ramablok“ genannte Schalungen, damit man im Geiste Kasimir Malewitschs und seines Schwarzen Quadrats umstandslos wahrhaft suprematistische Plattenbauten errichten kann. Sollte Ihnen das nicht reichen, dann absolvieren Sie im Geiste der Moderne doch ein „VKhUTEMAS-Training“ oder reisen Sie mit „Archipelago Tours“ nach Kuba oder zu einer Brotfabrik, die russische Architekten in Afghanistan gebaut haben. Für was auch immer Sie sich interessieren und an welchen Stand Sie auch kommen, stets wird Ihnen freundlich alles erklärt, damit Sie auch kein Angebot versäumen.

Ist das links, kapitalismuskritisch, marxistisch gar? Tatsache ist: Nie zuvor schienen die Hoffnungen der sowjetischen Modernisten derart zum Greifen nah. Nie war die Moderne so leicht zu haben. Oder glauben Sie das etwa nicht? „Se non è vero, è ben trovato“ – Wenn es nicht wahr ist, so ist es doch gut erfunden, heißt ein italienisches Sprichwort, das angeblich auf Giordano Bruno zurückgeht. Auch der war ein Häretiker. Fair enough!


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„Fair Enough“ prangt an der Wand und ist gleichzeitig der Titel der Schau. Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Statt Meistererzählungen werden aus der Perspektive der Gegenwart heraus die Konsequenzen vorgeführt: die globale Moderne als Expo und Messe. Foto © Thomas Wagner, Stylepak
Die „Prefab Corp“ mit dem Namen „Re-Use“ verspricht eine nachhaltige Versorgung mit vorgefertigten Teilen.
Foto © Nikolay Zverkov
Am Stand von „Estetika Ltd.“ findet man unter dem Namen „Eternal Russian“ Architekturelemente in Russischem oder Neo-Russischem Stil. Foto © Nikolay Zverkov
„Khidekel Elements“, eine Non-Profit-Organisation, vermarktet unter #suprematismforhumanity einfache, „Ramablok“ genannte Schalungen. Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Hat man erst einmal Metalldetektor und Empfang mit Hostess passiert, so findet man sich in einer veritablen Messearchitektur wieder. Foto © Nikolay Zverkov
Reisen Sie mit „Archipelago Tours“ nach Kuba oder zu einer Brotfabrik, die russische Architekten in Afghanistan gebaut haben. Foto © Nikolay Zverkov
Am Hinterausgang des Pavillons: Die Leuchtschrift mit dem Slogan „Russia’s Past, Our Present“. Foto © Robert Volhard, Stylepark
News & Stories › 2014 › Juni
Wer die Moderne verstehen will, muss sich über sie lustig machen
von Thomas Wagner | 10. Juni 2014
„Fair Enough“ steht über dem Pavillon der Russischen Föderation geschrieben. Das heißt so viel wie: Na schön! Oder hat da jemand gar die Nase voll von der Ökonomisierung? So oder so, dieser Pavillon ist ein Riesenspaß und trotzdem klug und kritisch.
Ist es tatsächlich wahr? Wen interessiert das schon. Sicher indes ist, dass Anton Kalgaev, Brendan McGetrick, Daria Paramonova und das Strelka Institute for Media, Architecture and Design unter dem Titel „Fair Enough“ den Pavillon der Russischen Föderation in einen Riesenspaß und zugleich in eine kritische Revision der Moderne verwandelt haben. Spätestens wenn man über dem Balkon am Hinterausgang des Pavillons die Leuchtschrift mit dem Slogan „Russia’s Past, Our Present“ liest, versteht man, dass hier die russische Architektur der letzten hundert Jahre für ein globales Publikum aufbereitet wird – oder besser: deren Versprechen für die Gegenwart reaktiviert werden. Wo andere beflissen Rem Koolhaas’ thematische Klammer ausfüllen und auf Papier oder im Modell untersuchen, was die Moderne in ihrem Land so alles absorbiert hat und wie sie selbst absorbiert wurde, bringen die Russen das globale Spiel mit Moderne und Architektur mit Witz und Hintersinn auf den Punkt. Der Neue Mensch, die Moderne hat ihn sich erträumt, jetzt ist er Wirklichkeit. Wer will da noch abseits stehen.

Statt abermals eine Meistererzählung voller Heroen zu bestätigen oder zu widerlegen, werden aus der Perspektive der Gegenwart heraus die Konsequenzen vorgeführt: die globale Moderne als Expo und Messe. Anders gesagt: Die Moderne endet in der Ökonomisierung von allem und jedem. Konsum und Marketing haben Ideen und Sehnsüchte in global verfügbare Waren verwandelt. Das imaginäre Angebot aber ist reichhaltig und verlockend und verspricht die Lösung vieler Probleme. Das klingt trocken, ist es aber keineswegs.

Was es da nicht so alles zu erleben gibt! Hat man erst einmal Metalldetektor und Empfang mit Hostess passiert, so findet man sich in einer veritablen Messearchitektur wieder. Stand reiht sich an Stand. Das Design ist wohl durchdacht und professionell ausgeführt. Die „Prefab Corp“ mit dem Namen „Re-Use“ verspricht eine nachhaltige Versorgung mit vorgefertigten Teilen. Am Stand von „Estetika Ltd.“ findet man unter dem Namen „Eternal Russian“ Architekturelemente in Russischem oder Neo-Russischem Stil. „Narkomfin“, ein revolutionäres Wohnprojekt aus den 1920er Jahren, verspricht ein Leben in Gemeinschaft samt Wellness, und „Khidekel Elements“, eine Non-Profit-Organisation, vermarktet unter #suprematismforhumanity einfache, „Ramablok“ genannte Schalungen, damit man im Geiste Kasimir Malewitschs und seines Schwarzen Quadrats umstandslos wahrhaft suprematistische Plattenbauten errichten kann. Sollte Ihnen das nicht reichen, dann absolvieren Sie im Geiste der Moderne doch ein „VKhUTEMAS-Training“ oder reisen Sie mit „Archipelago Tours“ nach Kuba oder zu einer Brotfabrik, die russische Architekten in Afghanistan gebaut haben. Für was auch immer Sie sich interessieren und an welchen Stand Sie auch kommen, stets wird Ihnen freundlich alles erklärt, damit Sie auch kein Angebot versäumen.

Ist das links, kapitalismuskritisch, marxistisch gar? Tatsache ist: Nie zuvor schienen die Hoffnungen der sowjetischen Modernisten derart zum Greifen nah. Nie war die Moderne so leicht zu haben. Oder glauben Sie das etwa nicht? „Se non è vero, è ben trovato“ – Wenn es nicht wahr ist, so ist es doch gut erfunden, heißt ein italienisches Sprichwort, das angeblich auf Giordano Bruno zurückgeht. Auch der war ein Häretiker. Fair enough!


Weitere Artikel zur 14. Architekturbiennale
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Italienische Verhältnisse
Germany’s Ex-Topmodels
Bitte anfassen
Das Uhrwerk der Moderne
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