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Italienische Verhältnisse
Von Oliver Elser | 11. Juni 2014
82 Filmleinwände, 5 Bühnen für Performances und 41 Projekte erzählen von italienischen Verhältnissen. Foto © Adeline Seidel, Stylepark
Wie bei jeder Biennale gibt es auch diesmal zwei Kraftzentren, über die der fürs Ganze zuständige Überkurator in eigener Regie bestimmen kann. Der bei vielen Biennalen wichtigste Ort für große, spektakuläre Rauminszenierungen ist das Arsenale-Gelände mit seiner berühmten, 316 Meter langen Ausstellungshalle, der ehemaligen Corderie. Auf dem Gelände der Giardini, wo auch die Pavillons der Nationen stehen, befindet sich das zweite Zentrum der „Fundamentals“ genannten Schau. „Elements of Architecture“ und „Monditalia“ sind also die beiden Hauptausstellungen, die Rem Koolhaas auf die beiden Standorte verteilt hat.

Die „Elements“ sind durch und durch sein eigenes Konzept. Eine wilde Sammlung von Bauteilen und Raumprinzipien: Toiletten, Fenster, Korridore, abgehängte Decken, aufgeständerte Fußböden, Rampen, Treppen und und und. Sie machen den Zentralpavillon zu einer Art Architekturmuseum der Bauteile und ihrer Geschichte. Faszinierend wäre, dies dauerhaft als eine Art Einführungskurs in die architektonischen Elemente irgendwo zeigen zu können.
Eine Tanzperformance nach der anderen wurde in „Monditalia“ aufgeführt – manche wirkten doch recht skurril. Foto © Adeline Seidel, Stylepark
„Monditalia“ dagegen basiert zwar auf einer Idee von Koolhaas, die Umsetzung aber wurde auf eine Fülle selbständig handelnder Teams verteilt. Kuratoren, Wissenschaftler, Künstler, Designer, Szenographen und Journalisten bekamen die Aufgabe gestellt, einen Beitrag über das Land Italien zu gestalten, über seine Bau-, Kultur-, oder Kriminalgeschichte, durchsetzt mit Korruption, Diskoflimmern, Sex (Pompeji! Capri!) und sehr viel Berlusconi-Wahnsinn. Italienische Verhältnisse eben. Jeder Auserwählte bekam eine Fläche und etwas Budget zugewiesen: Macht was draus! Entsprechend vielfältig, in der Summe chaotisch und zeitraubend für die Besucher ist das Ergebnis.

Dass Italien bei dieser Biennale überhaupt eine so große Rolle spielt, ist neu und am Ende ein Gewinn. Vergangene Biennalen hatten sich stark den Problemzonen der weltweiten Megacities gewidmet, an deren explosiv-exotischem Chaos sich aber eher mit wohligem Gruseln berauscht, als wirklich ein plastisches Bild der Lage vor Ort zeichnen zu können. Wenn 41 Teams sich hingegen über Italien beugen, dann entsteht tatsächlich ein prägnanter Eindruck vom einem Land, das längst nicht mehr der kulturelle Motor Europas ist, doch immer noch interessant genug, dass nicht nur die Freunde von Antike, Renaissance und Barock dort auf ihre Kosten kommen.
„Architecture of Hedonism“: Eine Mind-Map zu drei Villen auf Capri auf einem Foto der berühmten Treppe der Casa Malaparte. Fotos © Oliver Elser
Außerdem werden die 41 Stationen zu den italienischen Verhältnissen von 82 Filmleinwänden begleitet, von denen herab die geballte Kraft des italienischen Nachkriegskinos herableuchtet. Visconti, Pasolini, Rossellini, Bertolucci, Antonioni, Fellini und viele mehr – was für Namen, was für eine Verschwendung! Die Filme aus und über Italien sind nur das Hintergrundrauschen zur Ausstellung. Wer kann und will sie sich auch noch ansehen, auf dieser Italientortur, die entlang einer historischen Straßenkarte aufgefädelt ist, beginnend im Süden mit dem Elend der Flüchtlinge vor Lampedusa und endend im Norden mit Armin Linkes wunderbar lakonischen Filmaufnahmen der völlig durchgeknallten Tourismusindustrie in den Alpen?

Doch das ist längst nicht alles: Zusätzlich finden auf sechs Bühnen, die zwischen die Stationen eingestreut sind, Tanz-, Theater- und Musik-Aufführungen der übrigen Biennale-Sektionen statt. Nur die Kunst-Biennale bleibt außen vor – und auch von den Hollywood-Stars, die Ende August zu den Internationalen Filmfestspielen auf dem Lido anrücken, wird nicht erwartet, dass sie sich in den crossmedialen Zirkus verirren. Overkill im Arsenale also. Was bleibt trotzdem hängen auf der Reise von Süden nach Norden?
Das Kunstwerk von Beatriz Preciado mit dem fulminanten Titel „Pompeji, the Secret Museum, and the Sexopolitical Foundations of the Modern European Metropolis“ ist bestenfalls komisch. Fotos © Francesco Galli, Courtesy la Biennale di Venezia (links), Oliver Elser (rechts)
Martino Stierli und Hilar Stadler, zwei Kuratoren, haben mit den Künstlern Nils Nova und Francesco Vezzoli eine Mind-Map zu drei Villen auf Capri auf einem Foto der berühmten Treppe der Casa Malaparte des Architekten Adalberto Libera arrangiert und zu dieser „Architecture of Hedonism“ eine Webseite eingerichtet.

Um Sex und Entgrenzung geht es auch Beatriz Preciado, der Autorin des Buchs „Pornotopia“ (erschienen 2012 bei Wagenbach, dem italophilsten aller deutschen Verlage), die unter dem fulminanten Titel „Pompeji, the Secret Museum, and the Sexopolitical Foundations of the Modern European Metropolis“ eine Art Kunstwerk beigesteuert hat, das bestenfalls komisch ist: Mitten im Raum hängt eine Art weißer Fahne, die mit einer Collage von Architekturabbildungen, Baukränen, Vulkanen und Penissen so bedruckt ist, dass man dringend nach einem QR-Code für die Webseite mit Erklärungen sucht. Vergebens. Irgendwie spielen Sex und sein Verkauf eine wichtige Rolle, bis heute, aha. Das Werk wäre nicht weiter erwähnenswert, wenn es nicht besonders krass das Hauptproblem der „Monditalia“ illustrieren würde: Die meisten Beiträge versuchen krampfhaft, „Kunst“ sein zu wollen, schließlich ist das doch eine Biennale! Kunst, missbraucht zur Bebilderung von Kuratorenideen ist qualvoll zu entschlüsseln und noch dazu besonders schlecht, wenn sie nicht einmal von Künstlern stammt.
„Antonioni’s Villa“ von Will McLean: Eine bedruckte Luftmatratze. Foto © Francesco Galli, Courtesy la Biennale di Venezia
Statt einfach Geschichten zu erzählen wird fast alles durch die Kunstmühle gedreht und soweit verrätselt, dass es schon fast wieder lustig ist: Das Werk namens „Antonioni’s Villa“ von Will McLean, „with an essay by Niklas Maak“, dem Kunst- und Architekturkritiker der F.A.Z., handelt von dem Architekten Dante Bini und seinen Versuchen mit ultradünnen Betonkuppeln, die mit einer Luftkissenschalung gebaut wurden. Auch der Regisseur Michelangelo Antonioni und die Schauspielerin Monica Vitti zählten zu Binis Kunden, das Paar wollte aber anonym bleiben. Auf der Biennale steht nun eine mit Text bedruckte Luftmatratze! Ein Foto der Villa? Das wäre zu einfach. Immerhin ist im Katalog eine schlechte Abbildung zu finden.

So verquer geht es munter weiter. Auf einer Doppelprojektion sieht man einen komischen Kauz, der aus Treibholz merkwürdige Stühle baut und daneben den Architekten Stefano Boeri, der durch sein nie eingeweihtes Kongresszentrum in Sardinien streift und darüber klagt, dass Berlusconi diese Architektur nie mochte und deswegen den dort geplanten G8-Gipfel lieber ins erdbebenerschütterte Aquila verlegt hat. Eigentlich eine wunderbare Geschichte, wenn nur das Gebäude nicht wirklich ziemlich schrecklich und der Kontrast zum Robinson-Crusoe-Handwerker nicht so ein Kitsch wäre: Hier das echte, einfache Leben, dort nur Korruption und Scheinfassaden. Seltsam, dabei haben Ila Bêka und Louise Lemoine mit dem Film „Koolhaas‘ Houselife“ über eine Putzfrau in der Koolhaas-Villa in Bordeaux ein wunderbar lakonisches Werk geschaffen, dass auf der Biennale 2012 zu den Publikumslieblingen zählte.
Ein Film von Ila Bêka und Louise Lemoine über das nie eingeweihte Kongresszentrum für den G8-Gipfel. Foto © Francesco Galli, Courtesy la Biennale di Venezia
Einer der wenigen Lichtblicke ist die Sektion „Radical Pedagogies“ von Beatriz Colomina, Britt Eversole, Ignacio Gonzalez Galan, Evangelos Kotsioris, Federica Vannucchi und Anna-Maria Meister: Die Ausstellung in der Ausstellung ist klar gegliedert und präsentiert auf einer großen Tafel eine Vielzahl von Initiativen, mittels studentischer Projekte die Architektur radikal zu verändern. Etliche sind in Italien verankert, so kommt es zu einer Schnittmenge mit dem Thema der „Monditalia“.

Auch Rem Koolhaas und seine Tochter Charlie treten als Autoren auf. Die Wand mit Fotos der Biblioteca Laurenziana in Florenz, ein Werk von Michelangelo, fertiggestellt 1560, ist mit einem Text von Vater Rem unterlegt, in welchem dieser beschreibt, dass er sich im Herbst des Jahres 2006 aufgemacht habe, die italienische Renaissance neu kennenzulernen. Ein herbstlich gestimmter Architekt lässt uns an einem Bildungserlebnis teilhaben: Ist auch das ein furchtbarer Kitsch? Nein, wohl eher ein Schlüsselwerk zum Verständnis dieser Biennale insgesamt: Koolhaas, von dem viele erwartet haben, er werde sich, wie er in unzähligen Studien bewiesen hat, dem Städtebau im weltumspannenden Maßstab widmen – was macht er? Das Gegenteil! Ohne dass erkennbar wäre, wie dieses Wissen für die Zukunft zu nutzen ist, schwelgt er von der Biblioteca Laurenziana, die ein Alptraum der Architektur sei, alles falsch, gegen jede Tradition und Vernunft und darum grandios. Wie bereits in der Sektion der „Elements of Architecture“ verspricht Koolhaas einen Neustart, der nur möglich ist, wenn man sich radikal darauf besinnt, woraus die Architektur gemacht ist: Aus Toiletten, Fenstern und Treppen, zum Beispiel.


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Einer der wenigen Lichtblicke ist die Sektion „Radical Pedagogies“ von Beatriz Colomina, Britt Eversole, Ignacio Gonzalez Galan, Evangelos Kotsioris, Federica Vannucchi und Anna-Maria Meister. Foto © Francesco Galli, Courtesy la Biennale di Venezia
Auch Rem Koolhaas und seine Tochter Charlie treten als Autoren auf: Die Fotos sind von der Tochter, die Texte vm Vater. Foto © Francesco Galli, Courtesy la Biennale di Venezia
Der bei vielen Biennalen wichtigste Ort für große, spektakuläre Rauminszenierungen ist das Arsenale-Gelände mit seiner berühmten, 316 Meter langen Ausstellungshalle, der ehemaligen Corderie. Foto © Francesco Galli, Courtesy la Biennale di Venezia
News & Stories › 2014 › Juni
Italienische Verhältnisse
von Oliver Elser | 11. Juni 2014
Für die Ausstellung „Monditalia“ bekamen 41 Teams die Aufgabe gestellt, einen Beitrag über das Land Italien zu gestalten. Herausgekommen ist eine Ausstellung, die vielfältig, chaotisch und zuweilen kitschig ist.

Wie bei jeder Biennale gibt es auch diesmal zwei Kraftzentren, über die der fürs Ganze zuständige Überkurator in eigener Regie bestimmen kann. Der bei vielen Biennalen wichtigste Ort für große, spektakuläre Rauminszenierungen ist das Arsenale-Gelände mit seiner berühmten, 316 Meter langen Ausstellungshalle, der ehemaligen Corderie. Auf dem Gelände der Giardini, wo auch die Pavillons der Nationen stehen, befindet sich das zweite Zentrum der „Fundamentals“ genannten Schau. „Elements of Architecture“ und „Monditalia“ sind also die beiden Hauptausstellungen, die Rem Koolhaas auf die beiden Standorte verteilt hat.

Die „Elements“ sind durch und durch sein eigenes Konzept. Eine wilde Sammlung von Bauteilen und Raumprinzipien: Toiletten, Fenster, Korridore, abgehängte Decken, aufgeständerte Fußböden, Rampen, Treppen und und und. Sie machen den Zentralpavillon zu einer Art Architekturmuseum der Bauteile und ihrer Geschichte. Faszinierend wäre, dies dauerhaft als eine Art Einführungskurs in die architektonischen Elemente irgendwo zeigen zu können.
„Monditalia“ dagegen basiert zwar auf einer Idee von Koolhaas, die Umsetzung aber wurde auf eine Fülle selbständig handelnder Teams verteilt. Kuratoren, Wissenschaftler, Künstler, Designer, Szenographen und Journalisten bekamen die Aufgabe gestellt, einen Beitrag über das Land Italien zu gestalten, über seine Bau-, Kultur-, oder Kriminalgeschichte, durchsetzt mit Korruption, Diskoflimmern, Sex (Pompeji! Capri!) und sehr viel Berlusconi-Wahnsinn. Italienische Verhältnisse eben. Jeder Auserwählte bekam eine Fläche und etwas Budget zugewiesen: Macht was draus! Entsprechend vielfältig, in der Summe chaotisch und zeitraubend für die Besucher ist das Ergebnis.

Dass Italien bei dieser Biennale überhaupt eine so große Rolle spielt, ist neu und am Ende ein Gewinn. Vergangene Biennalen hatten sich stark den Problemzonen der weltweiten Megacities gewidmet, an deren explosiv-exotischem Chaos sich aber eher mit wohligem Gruseln berauscht, als wirklich ein plastisches Bild der Lage vor Ort zeichnen zu können. Wenn 41 Teams sich hingegen über Italien beugen, dann entsteht tatsächlich ein prägnanter Eindruck vom einem Land, das längst nicht mehr der kulturelle Motor Europas ist, doch immer noch interessant genug, dass nicht nur die Freunde von Antike, Renaissance und Barock dort auf ihre Kosten kommen.
Außerdem werden die 41 Stationen zu den italienischen Verhältnissen von 82 Filmleinwänden begleitet, von denen herab die geballte Kraft des italienischen Nachkriegskinos herableuchtet. Visconti, Pasolini, Rossellini, Bertolucci, Antonioni, Fellini und viele mehr – was für Namen, was für eine Verschwendung! Die Filme aus und über Italien sind nur das Hintergrundrauschen zur Ausstellung. Wer kann und will sie sich auch noch ansehen, auf dieser Italientortur, die entlang einer historischen Straßenkarte aufgefädelt ist, beginnend im Süden mit dem Elend der Flüchtlinge vor Lampedusa und endend im Norden mit Armin Linkes wunderbar lakonischen Filmaufnahmen der völlig durchgeknallten Tourismusindustrie in den Alpen?

Doch das ist längst nicht alles: Zusätzlich finden auf sechs Bühnen, die zwischen die Stationen eingestreut sind, Tanz-, Theater- und Musik-Aufführungen der übrigen Biennale-Sektionen statt. Nur die Kunst-Biennale bleibt außen vor – und auch von den Hollywood-Stars, die Ende August zu den Internationalen Filmfestspielen auf dem Lido anrücken, wird nicht erwartet, dass sie sich in den crossmedialen Zirkus verirren. Overkill im Arsenale also. Was bleibt trotzdem hängen auf der Reise von Süden nach Norden?
Martino Stierli und Hilar Stadler, zwei Kuratoren, haben mit den Künstlern Nils Nova und Francesco Vezzoli eine Mind-Map zu drei Villen auf Capri auf einem Foto der berühmten Treppe der Casa Malaparte des Architekten Adalberto Libera arrangiert und zu dieser „Architecture of Hedonism“ eine Webseite eingerichtet.

Um Sex und Entgrenzung geht es auch Beatriz Preciado, der Autorin des Buchs „Pornotopia“ (erschienen 2012 bei Wagenbach, dem italophilsten aller deutschen Verlage), die unter dem fulminanten Titel „Pompeji, the Secret Museum, and the Sexopolitical Foundations of the Modern European Metropolis“ eine Art Kunstwerk beigesteuert hat, das bestenfalls komisch ist: Mitten im Raum hängt eine Art weißer Fahne, die mit einer Collage von Architekturabbildungen, Baukränen, Vulkanen und Penissen so bedruckt ist, dass man dringend nach einem QR-Code für die Webseite mit Erklärungen sucht. Vergebens. Irgendwie spielen Sex und sein Verkauf eine wichtige Rolle, bis heute, aha. Das Werk wäre nicht weiter erwähnenswert, wenn es nicht besonders krass das Hauptproblem der „Monditalia“ illustrieren würde: Die meisten Beiträge versuchen krampfhaft, „Kunst“ sein zu wollen, schließlich ist das doch eine Biennale! Kunst, missbraucht zur Bebilderung von Kuratorenideen ist qualvoll zu entschlüsseln und noch dazu besonders schlecht, wenn sie nicht einmal von Künstlern stammt.
Statt einfach Geschichten zu erzählen wird fast alles durch die Kunstmühle gedreht und soweit verrätselt, dass es schon fast wieder lustig ist: Das Werk namens „Antonioni’s Villa“ von Will McLean, „with an essay by Niklas Maak“, dem Kunst- und Architekturkritiker der F.A.Z., handelt von dem Architekten Dante Bini und seinen Versuchen mit ultradünnen Betonkuppeln, die mit einer Luftkissenschalung gebaut wurden. Auch der Regisseur Michelangelo Antonioni und die Schauspielerin Monica Vitti zählten zu Binis Kunden, das Paar wollte aber anonym bleiben. Auf der Biennale steht nun eine mit Text bedruckte Luftmatratze! Ein Foto der Villa? Das wäre zu einfach. Immerhin ist im Katalog eine schlechte Abbildung zu finden.

So verquer geht es munter weiter. Auf einer Doppelprojektion sieht man einen komischen Kauz, der aus Treibholz merkwürdige Stühle baut und daneben den Architekten Stefano Boeri, der durch sein nie eingeweihtes Kongresszentrum in Sardinien streift und darüber klagt, dass Berlusconi diese Architektur nie mochte und deswegen den dort geplanten G8-Gipfel lieber ins erdbebenerschütterte Aquila verlegt hat. Eigentlich eine wunderbare Geschichte, wenn nur das Gebäude nicht wirklich ziemlich schrecklich und der Kontrast zum Robinson-Crusoe-Handwerker nicht so ein Kitsch wäre: Hier das echte, einfache Leben, dort nur Korruption und Scheinfassaden. Seltsam, dabei haben Ila Bêka und Louise Lemoine mit dem Film „Koolhaas‘ Houselife“ über eine Putzfrau in der Koolhaas-Villa in Bordeaux ein wunderbar lakonisches Werk geschaffen, dass auf der Biennale 2012 zu den Publikumslieblingen zählte.
Einer der wenigen Lichtblicke ist die Sektion „Radical Pedagogies“ von Beatriz Colomina, Britt Eversole, Ignacio Gonzalez Galan, Evangelos Kotsioris, Federica Vannucchi und Anna-Maria Meister: Die Ausstellung in der Ausstellung ist klar gegliedert und präsentiert auf einer großen Tafel eine Vielzahl von Initiativen, mittels studentischer Projekte die Architektur radikal zu verändern. Etliche sind in Italien verankert, so kommt es zu einer Schnittmenge mit dem Thema der „Monditalia“.

Auch Rem Koolhaas und seine Tochter Charlie treten als Autoren auf. Die Wand mit Fotos der Biblioteca Laurenziana in Florenz, ein Werk von Michelangelo, fertiggestellt 1560, ist mit einem Text von Vater Rem unterlegt, in welchem dieser beschreibt, dass er sich im Herbst des Jahres 2006 aufgemacht habe, die italienische Renaissance neu kennenzulernen. Ein herbstlich gestimmter Architekt lässt uns an einem Bildungserlebnis teilhaben: Ist auch das ein furchtbarer Kitsch? Nein, wohl eher ein Schlüsselwerk zum Verständnis dieser Biennale insgesamt: Koolhaas, von dem viele erwartet haben, er werde sich, wie er in unzähligen Studien bewiesen hat, dem Städtebau im weltumspannenden Maßstab widmen – was macht er? Das Gegenteil! Ohne dass erkennbar wäre, wie dieses Wissen für die Zukunft zu nutzen ist, schwelgt er von der Biblioteca Laurenziana, die ein Alptraum der Architektur sei, alles falsch, gegen jede Tradition und Vernunft und darum grandios. Wie bereits in der Sektion der „Elements of Architecture“ verspricht Koolhaas einen Neustart, der nur möglich ist, wenn man sich radikal darauf besinnt, woraus die Architektur gemacht ist: Aus Toiletten, Fenstern und Treppen, zum Beispiel.


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