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Die Macher des britischen Pavillons haben im zentralen Raum die Verse des Gedichts „Jerusalem“ von William Blake in einer Collage an die Wand gebracht. Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Das Uhrwerk der Moderne
Von Thomas Wagner
17. Juni 2014
Die Macher des Britischen Pavillons haben zum Ausgangspunkt ihrer Recherche einen Klassiker gewählt. Fast jeder im Vereinigten Königreich kennt die Verse des Gedichts „Jerusalem“ von William Blake (1757 bis 1827), zumindest in der vertonten Version des Komponisten Hubert Parry (1848 bis 1918). Emerson Lake und Palmer haben sie eingespielt und anlässlich der „Last night of the Proms“ werden sie vom Publikum gern inbrünstig mitgesungen. Blakes Gedicht lautet:

Jerusalem

And did those feet in ancient time
Walk upon England’s mountains green?
And was the holy Lamb of God
On England’s pleasant pastures seen?

And did the Countenance divine
Shine forth upon our clouded hills?
And was Jerusalem builded here
Among those dark Satanic mills?

Bring me my Bow of burning gold:
Bring me my Arrows of Desire!
Bring me my Spear! Oh, Clouds unfold!
Bring me my Chariot of Fire.

I will not cease from Mental Fight,
Nor shall my Sword sleep in my hand,
Till we have built Jerusalem
In England’s green and pleasant Land!

In der deutschen Übersetzung von Bertram Kottmann lautet der Text:

Jerusalem

Und schritten jene Füße einst
auf Englands grünen Bergeshöhn?
Und ward das heil’ge Gotteslamm
auf Englands Auen je gesehn?

Erschien das heil’ge Angesicht
im Wolkenhimmel überm Berg?
Und ward Jerusalem hier erbaut
inmitten düsterm Teufelswerk?

Bringt mir den Bogen lohen Golds:
Bringt mir die Pfeile der Begier:
Bringt mir den Speer: Gewölk, reiß auf!
Bringt meinen feurig’ Wagen mir!

Ich lass’ nicht ab vom geist’gen Streit,
nicht ruh’ das Schwert mir in der Hand,
eh’ wir Jerusalem erbaut
in Englands grünem, schönem Land.

Ein himmlisches Jerusalem in Englands grünem, schönen Land? Lautet so das geheime Programm einer in sich gespalteten Moderne auf britischem Boden?
„A Clockwork Jerusalem“ lotet eine spezifisch britische Form der Moderne als Nachwirkung der Industriellen Revolution aus. In Reaktion auf das Entstehen von Industriestädten bildete sich in Verbindung mit romantischen Vorstellungen einer erhabenen und pastoral verklärten Natur eine seltsame Mischung, aus der Visionen einer neuen britischen Gesellschaft hervorgingen. Schon Blake wendet sich gegen die „Sanatic Mills“ und in seinen Versen verbinden sich christliche und heidnische Visionen zu einem sozialreformerischen Traum. Nicht zufällig haben Sozialisten, Frauenrechtlerinnen und Patrioten aller Spielarten das vertonte Gedicht gesungen wie eine zweite Nationalhymne, weshalb „Jerusalem“ hier denn auch als eine Art Gründungstext der britischen Moderne ins Spiel gebracht wird.

Ausgehend von in großem Maßstab durchgeführten Architekturprojekten aus den 1950er-, 1960er- und 1970er-Jahren, verfolgt die Ausstellung die Entwicklung bis zu den letzten Blüten der oft radikalen britischen Moderne. Diese letzte Blüte ist, wie die Kuratoren Sam Jacob und Wouter Vanstiphout es ausdrücken, in jenem Moment erreicht, als die Ambitionen des Modernismus sozial, politisch und architektonisch ihren Höhepunkt erreichen und zugleich ihr eigenes Scheitern bezeugen.

Unter Stichworten wie „Utopia of Ruins“, „Historico Futurism“, „Paleo Motoric“, „Electric Pastoral“, „Concrete Picturesque“ und „The People: Where Will They Go?“ werden denn auch jede Menge seltsamer Blüten vorgeführt. Mal verbindet sich das Faible der britischen Architektur für Ruinen, Gesteinsbrocken mit modernistischen Idealen und dem Wiederaufstieg des Landes aus den Trümmern des Krieges, mal taucht das pagane Stonehenge in neuen urbanen Typologien wieder auf, und mal nimmt man erstaunt zur Kenntnis, wie sich in der Struktur eines Stadtzentrums Pop-art und Konstruktivismus mit dem labyrinthischen Bauplan eines minoischen Palasts mischen. Besonders im Neuen Jerusalem des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg vereinen sich derartige Gegensätze und führen zu einem unverwechselbaren, zuweilen fast surreal anmutenden Modernismus, in dem sich Archäologie und Zukunftsglaube zu einer Art Techno-Pastorale vereinen.
Very British und sehr spannend, die Moderne „in Englands grünem, schönen Land“!


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Wer die Moderne verstehen will, muss sich über sie lustig machen
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Erinnerungen an den Film „Uhrwerk Orange" von Stanley Kubrick werden bei diesem Schriftzug geweckt.
Foto © Adeline Seidel, Stylepark
„In Darkest England and the Way Out" von General William Booth.
Abbildung © Die Heilsarmee Internationale Heritage Centre
„Leisure in Milton Keynes", Phillip Castle, 1971. Abbildung © Derek Walker
Die Kuratoren mischen Architekturthemen mit Popkultur: „Take Me High", ein Cliff Richard Album Cover von 1973. Abbildung © Parlophone Records Ltd, a Warner Music Group Company
„A Vision of Sir John Soane’s Design for the Rotunda of the Bank of England as a Ruin" by Joseph Gandy, 1789. Abbildung © Trustees of Sir John Soane’s Museum
Im ersten Raum der Ausstellung: Die britische Moderne als Collage. Foto © Adeline Seidel, Stylepark
Unter Stichworten an den Wänden werden dann auch jede Menge seltsamer Blüten vorgeführt. Foto © Robert Volhard, Stylepark
„A Clockwork Jerusalem“ lotet eine spezifisch britische Form der Moderne als Nachwirkung der Industriellen Revolution aus. Foto © la Biennale di Venezia
Vom Hügel in der Mitte des Raumes kann man die britischen Blüten der Moderne bestens betrachten. Foto © la Biennale di Venezia
News & Stories › 2014 › Juni
Das Uhrwerk der Moderne
von Thomas Wagner | 17. Juni 2014
Wie ist die Moderne in Großbritannien verlaufen? „Clockwork Jerusalem“ offenbart mit Blick auf William Blake ein überraschendes Bild.
Die Macher des Britischen Pavillons haben zum Ausgangspunkt ihrer Recherche einen Klassiker gewählt. Fast jeder im Vereinigten Königreich kennt die Verse des Gedichts „Jerusalem“ von William Blake (1757 bis 1827), zumindest in der vertonten Version des Komponisten Hubert Parry (1848 bis 1918). Emerson Lake und Palmer haben sie eingespielt und anlässlich der „Last night of the Proms“ werden sie vom Publikum gern inbrünstig mitgesungen. Blakes Gedicht lautet:

Jerusalem

And did those feet in ancient time
Walk upon England’s mountains green?
And was the holy Lamb of God
On England’s pleasant pastures seen?

And did the Countenance divine
Shine forth upon our clouded hills?
And was Jerusalem builded here
Among those dark Satanic mills?

Bring me my Bow of burning gold:
Bring me my Arrows of Desire!
Bring me my Spear! Oh, Clouds unfold!
Bring me my Chariot of Fire.

I will not cease from Mental Fight,
Nor shall my Sword sleep in my hand,
Till we have built Jerusalem
In England’s green and pleasant Land!

In der deutschen Übersetzung von Bertram Kottmann lautet der Text:

Jerusalem

Und schritten jene Füße einst
auf Englands grünen Bergeshöhn?
Und ward das heil’ge Gotteslamm
auf Englands Auen je gesehn?

Erschien das heil’ge Angesicht
im Wolkenhimmel überm Berg?
Und ward Jerusalem hier erbaut
inmitten düsterm Teufelswerk?

Bringt mir den Bogen lohen Golds:
Bringt mir die Pfeile der Begier:
Bringt mir den Speer: Gewölk, reiß auf!
Bringt meinen feurig’ Wagen mir!

Ich lass’ nicht ab vom geist’gen Streit,
nicht ruh’ das Schwert mir in der Hand,
eh’ wir Jerusalem erbaut
in Englands grünem, schönem Land.

Ein himmlisches Jerusalem in Englands grünem, schönen Land? Lautet so das geheime Programm einer in sich gespalteten Moderne auf britischem Boden?
„A Clockwork Jerusalem“ lotet eine spezifisch britische Form der Moderne als Nachwirkung der Industriellen Revolution aus. In Reaktion auf das Entstehen von Industriestädten bildete sich in Verbindung mit romantischen Vorstellungen einer erhabenen und pastoral verklärten Natur eine seltsame Mischung, aus der Visionen einer neuen britischen Gesellschaft hervorgingen. Schon Blake wendet sich gegen die „Sanatic Mills“ und in seinen Versen verbinden sich christliche und heidnische Visionen zu einem sozialreformerischen Traum. Nicht zufällig haben Sozialisten, Frauenrechtlerinnen und Patrioten aller Spielarten das vertonte Gedicht gesungen wie eine zweite Nationalhymne, weshalb „Jerusalem“ hier denn auch als eine Art Gründungstext der britischen Moderne ins Spiel gebracht wird.

Ausgehend von in großem Maßstab durchgeführten Architekturprojekten aus den 1950er-, 1960er- und 1970er-Jahren, verfolgt die Ausstellung die Entwicklung bis zu den letzten Blüten der oft radikalen britischen Moderne. Diese letzte Blüte ist, wie die Kuratoren Sam Jacob und Wouter Vanstiphout es ausdrücken, in jenem Moment erreicht, als die Ambitionen des Modernismus sozial, politisch und architektonisch ihren Höhepunkt erreichen und zugleich ihr eigenes Scheitern bezeugen.

Unter Stichworten wie „Utopia of Ruins“, „Historico Futurism“, „Paleo Motoric“, „Electric Pastoral“, „Concrete Picturesque“ und „The People: Where Will They Go?“ werden denn auch jede Menge seltsamer Blüten vorgeführt. Mal verbindet sich das Faible der britischen Architektur für Ruinen, Gesteinsbrocken mit modernistischen Idealen und dem Wiederaufstieg des Landes aus den Trümmern des Krieges, mal taucht das pagane Stonehenge in neuen urbanen Typologien wieder auf, und mal nimmt man erstaunt zur Kenntnis, wie sich in der Struktur eines Stadtzentrums Pop-art und Konstruktivismus mit dem labyrinthischen Bauplan eines minoischen Palasts mischen. Besonders im Neuen Jerusalem des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg vereinen sich derartige Gegensätze und führen zu einem unverwechselbaren, zuweilen fast surreal anmutenden Modernismus, in dem sich Archäologie und Zukunftsglaube zu einer Art Techno-Pastorale vereinen.
Very British und sehr spannend, die Moderne „in Englands grünem, schönen Land“!


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