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Ein großes Entdecken und Wühlen war im japanischen Pavillon zu beobachten. Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Bitte anfassen
Von Barbara Basting
16. Juni 2014
Ein dicker roter Pfeil weist dem Besucher den Weg in den japanischen Pavillon. „In the Real World“ ist darauf zu lesen – willkommen in der Wirklichkeit. Wie die architektonische Wirklichkeit in Japan ausschaut und ausgesehen hat, das zeigt der Kurator und Architekturhistoriker Norihito Nakatani in seiner umfangreichen Schau auf der 14. Architekturbiennale von Venedig.
Und weil die Wirklichkeit chaotisch und ungeordnet ist, sich an keinen Plan hält – schon gar nicht an Visionen, die am Reißbrett entworfen wurden – ist auch die Ausstellung auf dem ersten Blick ein Durcheinander: Holzboxen, die an Marktstände und Wühltische erinnern, Plakat- und Fotowände, Architekturmodelle, Schachteln mit Fotografien, Infografiken aller Art sowie handgeschriebene kuratorische Statements schaffen eine Atmosphäre wie auf einem Dachboden oder in einer Werkstatt.

Glücklicherweise erhält man gleich am Eingang eine Art „Gebrauchsanleitung“ für die Ausstellung: Zwei gerahmte und nachlässig in Plastik verpackte Plakate, die wie Mitbringsel vom Flohmarkt abgestellt sind. Das eine wirbt für die Weltausstellung von Osaka 1970, das andere für die Winterolympiade von Tokio 1964. Waren das noch Zeiten! Leider sind sie, so die Botschaft der verpackten Hochglanzposter, unwiederbringlich vorbei. Denn in Japan ist durch die Ölkrise in den 1970er Jahren der Traum vom grenzenlosen Wachstum vorbei – mit Folgen für die Architektur. Welche, das liest man an der Wand gleich über dem Plakatestapel. Die damals noch jungen japanischen Architekten, wie beispielsweise Toyo Ito, Terunobo Fujimori und Hiroshi Hara, rechneten in dieser Zeit mit dem „International Style“ ab, wie er in Japan etwa von Kenzo Tange repräsentiert wurde. Zum Sündenregister Tanges gehörte laut den aufstrebenden Nachwuchsarchitekten der besinnungslose Bruch mit der einheimischen architektonischen Tradition und die zunehmende Unwirtlichkeit der Städte. Das Heilmittel schien ihnen naheliegend: Die Rückbesinnung auf kleine, dörfliche Strukturen unter Berücksichtigung des Kontexts und des realen Lebens mit seinen veränderten ökonomischen Bedingungen.

Wie der Abschied von den Träumen und die Rückkehr zum Realen seither in die zeitgenössische japanische Architektur Einzug gehalten hat, entdeckt man im Pavillon auf eine abwechslungsreiche Weise. Man kann es – und das ist schon fast programmatisch für die damalige Trendwende – zum Beispiel einfach anfassen: „Please touch“, wird man immer wieder aufgefordert. Anfassen soll man etwa Faksimiles der „Urbanen Frottagen“ von Tomohu Makabe, die dieser seit 1968 von den Oberflächen der Stadt Tokyo anfertigt. Es ist kein Zufall, dass sich auch ein architektonischer Laie, der Zahnarzt Tsutomu Ichiki, seit Jahrzehnten der Dokumentation von abgebrochenen Bauten widmet. Seine Fragmente sind persönliche Erinnerungsstücke, die nicht zuletzt die Frage nach dem Verhältnis zur Vergangenheit stellen.

Als die Architekten sich in den 1970er Jahren wieder stärker für die japanische Bautradition zu interessieren begannen, übernahmen sie von den Historikern das damals angesagte Werkzeug der Feldstudie. Studiert wurde alles, was für das eigene Schaffen von Relevanz sein könnte. Wie beispielsweise die expressive Architektur der „Taisho“-Zeit (1912 bis 1926), in der sich eine eigenwillige japanische Handschrift zu Beginn der Moderne beobachten läßt. Oder die moderne Architektur in Japan, die von dem Kollektiv „Architectural Detective Agency“ nicht überhöht wird, sondern unter Berücksichtigung ihrer jeweiligen Gebrauchsweisen und mit ironischem Augenzwinkern dokumentiert wurde.

Das so gewonnene Material erwies sich als Keimzelle für einen Neubeginn der Architektur in Japan, als Quelle für die verschiedensten Experimente. Doch vor allem erlaubten die Untersuchungen einen neuen Blick auf die Herausforderungen, vor denen die Gesellschaft und mit ihr die Architekten in Zeiten der Krise standen.

Erste Ergebnisse waren etwa die Wohnbauten von Toyo Ito aus vorfabrizierten Elementen. Ito orientierte sich zwar noch an Le Corbusiers Modulbaukonzept des „Dom-ino“, passte aber die Elemente den Bedürfnissen einer zunehmend individualisierten, zugleich ökonomisch weniger florierenden Gesellschaft an. Auch Tadao Andos „Reihenhaus in Sumiyoshi“ aus dem Jahr 1976 war wegweisend: Hier wurde eine Betonstruktur zwischen zwei Gebäude eingeschoben. Das Material ist zwar modern und bricht mit der dominierenden Holzbauweise, doch der Bau greift traditionell bewährte, räumliche Strukturen wie beispielsweise einen Innenhof auf.

Der japanische Pavillon auf der diesjährigen Architekturbiennale fächert ein breites Spektrum kritischer Fragen einer technokratisch orientierten Moderne auf. Subtil legt der chronologisch angelegte Parcours nahe, was die Grundlagen für den Erfolg der heute international beachteten japanischen Architekturbüros wie Sanaa oder Atelier Bow-Wow sind: Eine intensive Auseinandersetzung mit dem Ort und den daraus resultierenden Bedingungen; eine pragmatische Haltung, die Architektur als Mittel zur Bereicherung und Verbesserung der Gesellschaft durch feine statt brachiale Gesten versteht; eine Rückbesinnung auf das historische Wissen über Räume und ihre Nutzung.

Natürlich sollte man sich von dieser suggestiven Lesart einer zielstrebig reformorientierten Dauer-Postmoderne nicht täuschen lassen. Wer sich durch den Tokioter Städtebrei hindurch bewegt, wo die anonymen Hochhäuser im „Corporate Style“ mit ihren Glasfassaden rund um die Bahnstationen nach Bedarf hochgezogen und abgerissen werden, erkennt sofort, dass hier vor allem die Gesetze des Kapitals gelten. Der Raum für alternative, zukunftsweisende Entwürfe ist sehr begrenzt. Wer aber genauer hinschaut, so wie es etwa das Büro Atelier Bow-Wow tut, entdeckt ihn als Zwischenraum, in dem mit List und Geschick ein individueller Freiraum werden kann.

Die hochentwickelten westlichen Gesellschaften haben es seit einiger Zeit mit ähnlichen Herausforderungen zu tun wie Japan es hatte. Sie alle landen ähnlich hart in der Wirklichkeit. Genau deswegen lohnt sich der Blick auf jene architektonischen Entwicklungen in Japan, die nach der Zeit der hochfliegenden Entwürfe die Bodenhaftung zurückgewonnen haben.


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Bitte anfassen: Endlich mal eine Ausstellung die wirklich wie ein Archiv "funktionierte". Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Die Exponate wirken, als wären sie gerade aus den Transportkisten ausgepackt wurden.
Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Nach der Krise wurde die japanische Architektur pragmatischer. Foto © Adeline Seidel, Stylepark
Auch die handgeschriebenen kuratorischen Statements tragen zu einer eher pragmatischen Atmosphäre bei.
Foto © Adeline Seidel, Stylepark
Der japanische Pavillon auf der diesjährigen Architekturbiennale fächert ein breites Spektrum kritischer Fragen einer technokratisch orientierten Moderne auf. Foto © Adeline Seidel, Stylepark
Foto © la Biennale di Venezia
Foto © la Biennale di Venezia
Anfassen soll man etwa Faksimiles der „Urbanen Frottagen“ von Tomohu Makabe, die dieser seit 1968 von den Oberflächen der Stadt Tokyo anfertigt. Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Foto © la Biennale di Venezia
News & Stories › 2014 › Juni
Bitte anfassen
von Barbara Basting | 16. Juni 2014
Wie nach dem Abschied von Träumen ein neuer Pragmatismus die zeitgenössische japanische Architektur verändert hat, dass entdeckt man im japanischen Pavillon: „The Real World“ ist eine ungewohnt unaufgeräumte Ausstellung.

Ein dicker roter Pfeil weist dem Besucher den Weg in den japanischen Pavillon. „In the Real World“ ist darauf zu lesen – willkommen in der Wirklichkeit. Wie die architektonische Wirklichkeit in Japan ausschaut und ausgesehen hat, das zeigt der Kurator und Architekturhistoriker Norihito Nakatani in seiner umfangreichen Schau auf der 14. Architekturbiennale von Venedig.
Und weil die Wirklichkeit chaotisch und ungeordnet ist, sich an keinen Plan hält – schon gar nicht an Visionen, die am Reißbrett entworfen wurden – ist auch die Ausstellung auf dem ersten Blick ein Durcheinander: Holzboxen, die an Marktstände und Wühltische erinnern, Plakat- und Fotowände, Architekturmodelle, Schachteln mit Fotografien, Infografiken aller Art sowie handgeschriebene kuratorische Statements schaffen eine Atmosphäre wie auf einem Dachboden oder in einer Werkstatt.

Glücklicherweise erhält man gleich am Eingang eine Art „Gebrauchsanleitung“ für die Ausstellung: Zwei gerahmte und nachlässig in Plastik verpackte Plakate, die wie Mitbringsel vom Flohmarkt abgestellt sind. Das eine wirbt für die Weltausstellung von Osaka 1970, das andere für die Winterolympiade von Tokio 1964. Waren das noch Zeiten! Leider sind sie, so die Botschaft der verpackten Hochglanzposter, unwiederbringlich vorbei. Denn in Japan ist durch die Ölkrise in den 1970er Jahren der Traum vom grenzenlosen Wachstum vorbei – mit Folgen für die Architektur. Welche, das liest man an der Wand gleich über dem Plakatestapel. Die damals noch jungen japanischen Architekten, wie beispielsweise Toyo Ito, Terunobo Fujimori und Hiroshi Hara, rechneten in dieser Zeit mit dem „International Style“ ab, wie er in Japan etwa von Kenzo Tange repräsentiert wurde. Zum Sündenregister Tanges gehörte laut den aufstrebenden Nachwuchsarchitekten der besinnungslose Bruch mit der einheimischen architektonischen Tradition und die zunehmende Unwirtlichkeit der Städte. Das Heilmittel schien ihnen naheliegend: Die Rückbesinnung auf kleine, dörfliche Strukturen unter Berücksichtigung des Kontexts und des realen Lebens mit seinen veränderten ökonomischen Bedingungen.

Wie der Abschied von den Träumen und die Rückkehr zum Realen seither in die zeitgenössische japanische Architektur Einzug gehalten hat, entdeckt man im Pavillon auf eine abwechslungsreiche Weise. Man kann es – und das ist schon fast programmatisch für die damalige Trendwende – zum Beispiel einfach anfassen: „Please touch“, wird man immer wieder aufgefordert. Anfassen soll man etwa Faksimiles der „Urbanen Frottagen“ von Tomohu Makabe, die dieser seit 1968 von den Oberflächen der Stadt Tokyo anfertigt. Es ist kein Zufall, dass sich auch ein architektonischer Laie, der Zahnarzt Tsutomu Ichiki, seit Jahrzehnten der Dokumentation von abgebrochenen Bauten widmet. Seine Fragmente sind persönliche Erinnerungsstücke, die nicht zuletzt die Frage nach dem Verhältnis zur Vergangenheit stellen.

Als die Architekten sich in den 1970er Jahren wieder stärker für die japanische Bautradition zu interessieren begannen, übernahmen sie von den Historikern das damals angesagte Werkzeug der Feldstudie. Studiert wurde alles, was für das eigene Schaffen von Relevanz sein könnte. Wie beispielsweise die expressive Architektur der „Taisho“-Zeit (1912 bis 1926), in der sich eine eigenwillige japanische Handschrift zu Beginn der Moderne beobachten läßt. Oder die moderne Architektur in Japan, die von dem Kollektiv „Architectural Detective Agency“ nicht überhöht wird, sondern unter Berücksichtigung ihrer jeweiligen Gebrauchsweisen und mit ironischem Augenzwinkern dokumentiert wurde.

Das so gewonnene Material erwies sich als Keimzelle für einen Neubeginn der Architektur in Japan, als Quelle für die verschiedensten Experimente. Doch vor allem erlaubten die Untersuchungen einen neuen Blick auf die Herausforderungen, vor denen die Gesellschaft und mit ihr die Architekten in Zeiten der Krise standen.

Erste Ergebnisse waren etwa die Wohnbauten von Toyo Ito aus vorfabrizierten Elementen. Ito orientierte sich zwar noch an Le Corbusiers Modulbaukonzept des „Dom-ino“, passte aber die Elemente den Bedürfnissen einer zunehmend individualisierten, zugleich ökonomisch weniger florierenden Gesellschaft an. Auch Tadao Andos „Reihenhaus in Sumiyoshi“ aus dem Jahr 1976 war wegweisend: Hier wurde eine Betonstruktur zwischen zwei Gebäude eingeschoben. Das Material ist zwar modern und bricht mit der dominierenden Holzbauweise, doch der Bau greift traditionell bewährte, räumliche Strukturen wie beispielsweise einen Innenhof auf.

Der japanische Pavillon auf der diesjährigen Architekturbiennale fächert ein breites Spektrum kritischer Fragen einer technokratisch orientierten Moderne auf. Subtil legt der chronologisch angelegte Parcours nahe, was die Grundlagen für den Erfolg der heute international beachteten japanischen Architekturbüros wie Sanaa oder Atelier Bow-Wow sind: Eine intensive Auseinandersetzung mit dem Ort und den daraus resultierenden Bedingungen; eine pragmatische Haltung, die Architektur als Mittel zur Bereicherung und Verbesserung der Gesellschaft durch feine statt brachiale Gesten versteht; eine Rückbesinnung auf das historische Wissen über Räume und ihre Nutzung.

Natürlich sollte man sich von dieser suggestiven Lesart einer zielstrebig reformorientierten Dauer-Postmoderne nicht täuschen lassen. Wer sich durch den Tokioter Städtebrei hindurch bewegt, wo die anonymen Hochhäuser im „Corporate Style“ mit ihren Glasfassaden rund um die Bahnstationen nach Bedarf hochgezogen und abgerissen werden, erkennt sofort, dass hier vor allem die Gesetze des Kapitals gelten. Der Raum für alternative, zukunftsweisende Entwürfe ist sehr begrenzt. Wer aber genauer hinschaut, so wie es etwa das Büro Atelier Bow-Wow tut, entdeckt ihn als Zwischenraum, in dem mit List und Geschick ein individueller Freiraum werden kann.

Die hochentwickelten westlichen Gesellschaften haben es seit einiger Zeit mit ähnlichen Herausforderungen zu tun wie Japan es hatte. Sie alle landen ähnlich hart in der Wirklichkeit. Genau deswegen lohnt sich der Blick auf jene architektonischen Entwicklungen in Japan, die nach der Zeit der hochfliegenden Entwürfe die Bodenhaftung zurückgewonnen haben.


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