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Die Sektion „Window“ in Rem Koolhaas’ Ausstellung „Elements of Architecture“ zeigt Fenster aus mehreren Jahrhunderten Architekturgeschichte, die der Brite Charles Brooking gesammelt hat.
Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Das Fensteruniversum des Charles Brooking
Von Barbara Basting
25. Juni 2014
Das meistverkaufte Betriebssystem heißt „Windows“. Und ebenso alltäglich wie „Windows“ von Microsoft, sind auch die Fenster in der Architektur. Trotzdem denken wir bewusst nur wenig über sie nach – obwohl wir jeden Tag durch sie hindurchschauen. Glaswände und -fassaden sind ein Topos der modernen Architektur: Mies van der Rohes „Seagram-Building“, Philip Johnsons „Glass House“ und auch die Entwürfe von Sanaa – sie alle lassen Außen- und Innenraum ineinander fließen. Künstler wie Dan Graham haben schon seit längerem die Zusammenhänge zwischen der Kontrollgesellschaft und der spiegelnden Transparenz aus Glas kritisch überprüft.
Die Mutation des Fensters zur Glaswand ist den statischen und technischen Errungenschaften geschuldet, aber auch der Skelettbauweise. Und diese wäre undenkbar, ohne die Möglichkeit, große, ebenmäßige Glasflächen herzustellen, ohne die immer besseren Dämmqualitäten durch Mehrfach- und Spezialverglasungen, ohne ausgefeilte Gebäude- und Klimatechnik.

Die Sektion „Windows“ in Rem Koolhaas’ Ausstellung „Elements of Architecture“ anlässlich der 14. Architekturbiennale in Venedig lädt zu solchen Gedanken ein. So ist das Erste, was man in diesem, dem Element Fenster gewidmeten Raum, sieht und hört eine Maschine, mit der die heutigen Standard-Fenster von einer Windmaschine und einer pneumatischen Vorrichtung getestet werden. Jedes heute hergestellte Fenster wird zwecks Qualitätsprüfung angeblich fünfundzwanzigtausendmal geöffnet und geschlossen, bevor es die Fabrik verlässt und dann hoffentlich noch ein paar Jahre im Normalgebrauch durchhält.

Nicht weit von der lärmenden Maschine entfernt, bescheiden in einer Ecke aufgehängt, findet der Besucher ein löchriges Gebilde aus Birkenrindenstücken, das rührend an eine ungelenke Kindergartenbastelei erinnert. Es ist nur wenige Quadratzentimeter groß und die Zwischenräume sind mit Ölpapier ausgekleidet. Das Ausstellungsstück aus dem Jahr 1910 stammt von den Jakuten im fernen Osten Russlands. Glas war hier Mangelware und unerschwinglich – und mit dieser einfachen Lösung konnte wenigstens ein bisschen Licht ins Haus eindringen.

Zwischen Primitiv- und Hightech-Fenster erstreckt sich im Ausstellungsraum das reinste Fensterparadies: die hinreißende Fensterwand von Charles Brooking. Eine Art historische Baumusterzentrale, die zu den wirklich großartigen Entdeckungen in Rem Koolhaas‘ begehbaren Katalog der Elementarteilchen gehört. Die Artenvielfalt der Sammlung Brookings lässt staunen: Kleine Fenster mit bleigefassten Herzen gibt es da, uralte mit unregelmäßigen Glasscheibchen aus dem späten 17. Jahrhundert, elegante neugotische Spitzbogenfenster, große Fenster mit raffiniert geflochtenen Stegen aus der Zeit von Charles Dickens, verspielte mit Blumenranken und buntem Glas. Holzrahmen, naturbelassen oder weiß lackiert, solche mit raffinierten Klappläden sowie unzählige Varianten von Griffen und Schließmechanismen bereichern diesen Fensterkosmos.

An den Eröffnungstagen der Biennale ist auch der Sammler Charles Brooking nebst ein paar weiteren, englischen Gentlemen aus dem Stiftungsrat der „Brooking Collection“ anwesend. Sie erklären den Besuchern, was es mit dieser Sammlung und ihrem Urheber auf sich hat ¬– und werben für ein künftiges Museum. Brooking, ein Endfünfziger, der spontan das Wort „spleenig“ assoziieren lässt, spult routiniert die Erzählung ab, die auch auf der Homepage der Sammlung zu lesen ist: Bereits als Dreijähriger habe er sich für besondere ästhetische Formen interessiert. Sie begegneten ihm in Gestalt von englischen Bakelit-Hausnummernschildern aus den dreißiger Jahren. Später entdeckte er sein Faible für alte Bauten und deren Fenster und begann, systematisch Abbruchorte abzugrasen, um dort Fenster abzuschleppen. Dies war natürlich nur möglich, weil auch im England der 1960er und 1970er Jahre eine Modernisierungswelle um sich griff, der viele historische Bauten geopfert wurden.

Im Laufe der Jahre ist eine Sammlung von knapp 5.000 vollständigen Fenstern aus fast vier Jahrhunderten zusammengekommen. Und seit 1985 ist die „Brooking National Collection“ als Stiftung für Forscher zugänglich, anerkannt und unterstützt – etwa vom englischen „National Trust“. Stöbert man weiter auf der Homepage der Stiftung, entdeckt man, dass Charles Brooking sich keineswegs auf Fenster beschränkt, sondern sein Sammelgebiet längst auf Regenrinnen und Kamine, Treppengeländer und Türbeschläge, Haustüren und Briefkästen ausgeweitet hat. Er selbst betreut und vermittelt die Sammlung seit Jahrzehnten, und zwar wissenschaftlich fundiert.

Bezeichnend ist, wie die für die „Elements of Architecture“ verantwortliche Recherchegruppe rund um Rem Koolhaas auf die „Brooking Collection“ stieß: Die Sammlung wurde in Ausschnitten in Sir John Soanes Museum in London gezeigt. Kein Ort wäre passender gewesen! Sir John Soane mit seiner Begeisterung für historische Preziosen und skurrile Einzelstücke hätte seine helle Freude gehabt an Charles Brookings Architekturelementen. Ein Mangel der Präsentation muss allerdings beklagt werden: Charles Brookings berichtet, dass er die Gebäude, von denen die Fenster und die anderen Elementen stammen, jeweils auch fotografisch dokumentiert habe. Leider sieht man von denen in Venedig nichts. Und das verdeutlicht: Koolhaas interessiert sich in seiner Ausstellung nicht für den Kontext der gezeigten Elemente. Dennoch schärfen allein die ausgestellten Fenster von Charles Brooking den Blick auf dieses Element und man möchte jene Welt der pneumatisch auf Abnutzung getesteten, standardisierten und genormten Industriefenster ausblenden.


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Fensterlabor: Eine Maschine testet inmitten der Ausstellung heutige Standard-Fenster auf ihre Qualität und Haltbarkeit.
Foto © Adeline Seidel, Stylepark
Eine andere Maschine zeigt, wie Fensterbeschläge hergestellt werden. Foto © Adeline Seidel, Stylepark
Bleifassungen, neugotische Spitzbogenfenster und naturbelassene Holzrahmen: Das Architekturelement Fenster zeigt in Brookings Sammlung eine große Bandbreite an Formen und Materialien. Foto © Robert Volhard, Stylepark
Elementarteilchen: Auch unterschiedliche Beschläge wie sie heute für Fenster verwendet werden, werden im Zentralpavillon der Biennale vorgeführt. Foto © Adeline Seidel, Stylepark
Neben Korridor, Wand, Dach, Tür und Treppe sind Fenster eines der wichtigsten Elemente der Architektur.
Foto © Robert Volhard, Stylepark
Kunststofffenster sind nicht eben schön, aber haltbar: Die Maschine eines belgischen Fensterherstellers demonstriert, wie Standard-Fenster getestet werden.
Foto © Francesco Galli, Courtesy la Biennale di Venezia
News & Stories › 2014 › Juni
Das Fensteruniversum des Charles Brooking
von Barbara Basting | 25. Juni 2014
Haben wir uns tatsächlich damit abgefunden, dass ein Fenster dem anderen gleicht? Eine wunderbare Sammlung aus England demonstriert, welche Vielfalt in Form und Material es einst gab.
Das meistverkaufte Betriebssystem heißt „Windows“. Und ebenso alltäglich wie „Windows“ von Microsoft, sind auch die Fenster in der Architektur. Trotzdem denken wir bewusst nur wenig über sie nach – obwohl wir jeden Tag durch sie hindurchschauen. Glaswände und -fassaden sind ein Topos der modernen Architektur: Mies van der Rohes „Seagram-Building“, Philip Johnsons „Glass House“ und auch die Entwürfe von Sanaa – sie alle lassen Außen- und Innenraum ineinander fließen. Künstler wie Dan Graham haben schon seit längerem die Zusammenhänge zwischen der Kontrollgesellschaft und der spiegelnden Transparenz aus Glas kritisch überprüft.
Die Mutation des Fensters zur Glaswand ist den statischen und technischen Errungenschaften geschuldet, aber auch der Skelettbauweise. Und diese wäre undenkbar, ohne die Möglichkeit, große, ebenmäßige Glasflächen herzustellen, ohne die immer besseren Dämmqualitäten durch Mehrfach- und Spezialverglasungen, ohne ausgefeilte Gebäude- und Klimatechnik.

Die Sektion „Windows“ in Rem Koolhaas’ Ausstellung „Elements of Architecture“ anlässlich der 14. Architekturbiennale in Venedig lädt zu solchen Gedanken ein. So ist das Erste, was man in diesem, dem Element Fenster gewidmeten Raum, sieht und hört eine Maschine, mit der die heutigen Standard-Fenster von einer Windmaschine und einer pneumatischen Vorrichtung getestet werden. Jedes heute hergestellte Fenster wird zwecks Qualitätsprüfung angeblich fünfundzwanzigtausendmal geöffnet und geschlossen, bevor es die Fabrik verlässt und dann hoffentlich noch ein paar Jahre im Normalgebrauch durchhält.

Nicht weit von der lärmenden Maschine entfernt, bescheiden in einer Ecke aufgehängt, findet der Besucher ein löchriges Gebilde aus Birkenrindenstücken, das rührend an eine ungelenke Kindergartenbastelei erinnert. Es ist nur wenige Quadratzentimeter groß und die Zwischenräume sind mit Ölpapier ausgekleidet. Das Ausstellungsstück aus dem Jahr 1910 stammt von den Jakuten im fernen Osten Russlands. Glas war hier Mangelware und unerschwinglich – und mit dieser einfachen Lösung konnte wenigstens ein bisschen Licht ins Haus eindringen.

Zwischen Primitiv- und Hightech-Fenster erstreckt sich im Ausstellungsraum das reinste Fensterparadies: die hinreißende Fensterwand von Charles Brooking. Eine Art historische Baumusterzentrale, die zu den wirklich großartigen Entdeckungen in Rem Koolhaas‘ begehbaren Katalog der Elementarteilchen gehört. Die Artenvielfalt der Sammlung Brookings lässt staunen: Kleine Fenster mit bleigefassten Herzen gibt es da, uralte mit unregelmäßigen Glasscheibchen aus dem späten 17. Jahrhundert, elegante neugotische Spitzbogenfenster, große Fenster mit raffiniert geflochtenen Stegen aus der Zeit von Charles Dickens, verspielte mit Blumenranken und buntem Glas. Holzrahmen, naturbelassen oder weiß lackiert, solche mit raffinierten Klappläden sowie unzählige Varianten von Griffen und Schließmechanismen bereichern diesen Fensterkosmos.

An den Eröffnungstagen der Biennale ist auch der Sammler Charles Brooking nebst ein paar weiteren, englischen Gentlemen aus dem Stiftungsrat der „Brooking Collection“ anwesend. Sie erklären den Besuchern, was es mit dieser Sammlung und ihrem Urheber auf sich hat ¬– und werben für ein künftiges Museum. Brooking, ein Endfünfziger, der spontan das Wort „spleenig“ assoziieren lässt, spult routiniert die Erzählung ab, die auch auf der Homepage der Sammlung zu lesen ist: Bereits als Dreijähriger habe er sich für besondere ästhetische Formen interessiert. Sie begegneten ihm in Gestalt von englischen Bakelit-Hausnummernschildern aus den dreißiger Jahren. Später entdeckte er sein Faible für alte Bauten und deren Fenster und begann, systematisch Abbruchorte abzugrasen, um dort Fenster abzuschleppen. Dies war natürlich nur möglich, weil auch im England der 1960er und 1970er Jahre eine Modernisierungswelle um sich griff, der viele historische Bauten geopfert wurden.

Im Laufe der Jahre ist eine Sammlung von knapp 5.000 vollständigen Fenstern aus fast vier Jahrhunderten zusammengekommen. Und seit 1985 ist die „Brooking National Collection“ als Stiftung für Forscher zugänglich, anerkannt und unterstützt – etwa vom englischen „National Trust“. Stöbert man weiter auf der Homepage der Stiftung, entdeckt man, dass Charles Brooking sich keineswegs auf Fenster beschränkt, sondern sein Sammelgebiet längst auf Regenrinnen und Kamine, Treppengeländer und Türbeschläge, Haustüren und Briefkästen ausgeweitet hat. Er selbst betreut und vermittelt die Sammlung seit Jahrzehnten, und zwar wissenschaftlich fundiert.

Bezeichnend ist, wie die für die „Elements of Architecture“ verantwortliche Recherchegruppe rund um Rem Koolhaas auf die „Brooking Collection“ stieß: Die Sammlung wurde in Ausschnitten in Sir John Soanes Museum in London gezeigt. Kein Ort wäre passender gewesen! Sir John Soane mit seiner Begeisterung für historische Preziosen und skurrile Einzelstücke hätte seine helle Freude gehabt an Charles Brookings Architekturelementen. Ein Mangel der Präsentation muss allerdings beklagt werden: Charles Brookings berichtet, dass er die Gebäude, von denen die Fenster und die anderen Elementen stammen, jeweils auch fotografisch dokumentiert habe. Leider sieht man von denen in Venedig nichts. Und das verdeutlicht: Koolhaas interessiert sich in seiner Ausstellung nicht für den Kontext der gezeigten Elemente. Dennoch schärfen allein die ausgestellten Fenster von Charles Brooking den Blick auf dieses Element und man möchte jene Welt der pneumatisch auf Abnutzung getesteten, standardisierten und genormten Industriefenster ausblenden.


Weitere Artikel zur 14. Architekturbiennale
Die Fundamente des Rem Koolhaas
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