top

ORGATEC 2022 – REVIEW
Flexibilität für Stabilität

Die Orgatec ist zurück und mit ihr ein wohnliches Puzzle, das die Entwicklung der unterschiedlichen Anforderungen im Arbeitskontext seit 2018 abbildet. Unser Review.
von Anna Moldenhauer | 31.10.2022

Vier Jahre musste die Orgatec, die internationale Leitmesse für moderne Arbeitswelten, aussetzen. Vier Jahre, in denen das Thema New Work an Fahrt aufnahm, das Homeoffice von einer verlockend klingenden Alternative zum temporären Zwang wurde. Eine Zeit, in der die Digitalisierung in vielen Unternehmen einen längst überfälligen Schub bekam, wir darüber diskutierten, ob klassische Büros für die Präsenzarbeit in Zukunft überhaupt noch gebraucht werden und parallel die Nachteile der physischen Abwesenheit im Arbeitsalltag sichtbar wurden. In das Chaos mischte sich Aufbruchstimmung und der Wunsch nach einem Reset der Arbeitswelt. Weg von der stetigen Wiederholung klassischer Strukturen, hin zu individuellen, flexiblen Lösungen, die das Wohlbefinden fördern und eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglichen. Schon vor der Pandemie war die Strömung abzulesen, dass das Büro wohnlicher wird: Mehr Textilien, Sofas und Komfort durften einziehen. "Maximale Flexibilität im wohnlichen Büro" so das Credo der Orgatec 2018. Das sich diese Bewegung angesichts des unfreiwilligen Cocooning in der Zwischenzeit international maximiert hat, zeigte sich auf der Orgatec vom 25. bis zum 29. Oktober 2022 schnell. 686 Unternehmen aus 43 Ländern stellten ihr Programm vor und statt klassischen Drehstühlen und massiven Konferenztischen sah man vor allem kompakte Sessel und modulare Sofas, organisch geformte Beistelltische und praktische Accessoires, Teppiche mit sanften Farbverläufen, flexible Leuchten sowie Outdoormöbel, die auch in Innenräumen nicht fehl am Platz wirken. Nach dem ersten Rundgang war man so kurz geneigt auf der Eintrittskarte nachzuprüfen, nicht aus Versehen auf der imm zu Besuch zu sein, der internationalen Möbel- und Einrichtungmesse in Köln.

Zu der heimeligen Stimmung trugen auch die zahlreichen Oberflächen in satten, poppigen Farben bei, und zwar nicht nur bei HerstellerInnen, bei denen man es erwarten könnte – wie Montana, die unter dem Motto "Lets create playful spaces" den neuen Farbstil "Maximum Memphis" vorstellten – sondern auch bei Gumpo, die auf ihrem ansonsten wie gewohnt in Schwarz und Weiß gehaltenen Stand starke Akzente setzen. Zum Beispiel in Form des elektrifizierbaren Tisch "pipo" sowie dem Hocker mit drehbarer Schreibplatte "pony", beide aus der Feder von RelvaoKellermann. Der Unsicherheit unserer Gegenwart begegneten viele GestalterInnen mit Farben und Optimismus. Nicht fehlen durfte in diesem Kontext auch eine flexible Bepflanzung, wie seitens Victoria Azadinho Bocconi, die mit "Hevea" für Pedrali einen Blumentopfhalter entworfen hat. Dieser bietet vom Soloauftritt bis zum grünen Raumtrenner viele Varianten, da an dem zentralen Stängel aus Stahl bis zu sechs Blumentöpfe aus Polypropylen angehakt werden können. Fermob ging noch einen Schritt weiter und ließ unter dem Titel "Garden Office" verlauten, das jede Arbeit ein Outdoor-Erlebnis verdient. Cassina stellte indes "Cassina Pro" vor, eine Kollektion, dessen Produkte sowohl im Gastgewerbe, wie für den Arbeitsplatz am Schreibtisch funktionieren sollen. Vielseitigkeit ist gefragt, um wenn möglich auf jede Szenerie reagieren zu können, zwischen Büro und Zuhause, Draußen und Drinnen. Die "Büromöbel" sind im Ergebnis nicht mehr als solche zu erkennen.

Montana

Rückzug und Dynamik

Auch der Tisch bekommt nun Leben in die Beine, steht auf Rollen wie "Move" von HofmanDujardin Architekten für Arco, ist federleicht wie "Aeeri" von Peter Kunz für Arper oder verfügt über eine höhenverstellbare Tischplatte und wird mit verdeckten Kabelläufen, Steckdosen plus Ladeflächen stilvoll elektrifiziert, wie "Levo" des Studenten Frederik Bruer. Seine Arbeit gehört zum Projekt "Design Meets Movement 2.0", das Linak in Kooperation mit der Bergischen Universität Wuppertal vorstellte. Für den Stuhl sind parallel Formen wie aus einem Guss gefragt, die der sitzenden Person Schutz und Komfort bieten – Schalenstühle waren auf der Orgatec 2022 so in vielen Ausführungen zu finden. Zum Beispiel "Hug" von meneghello paolelli für S.cab, "Elephantino" von Neuland für Kristalia aus recyceltem Kunststoff, die "Abril collection" von Patrick Norguet für Pattio, der Sessel "Fiber" von Ikos Berlin für Muuto, "Seela" von Antti Kotilainen für LaPalma oder "Yonda" von Studio Neunziggrad für Wilkhahn. Was wohl Charles und Ray Eames dazu gesagt hätten?

Zu dem wohnlichen Arbeitsplatz von heute gehört natürlich auch ein Loungesessel. Vor vier Jahren hätte dieser wohl in erster Linie dazu dienen sollen, im Büro eine Atmosphäre zu schaffen, die zwischen Hotellobby und Co-Working-Space hin und her pendelt. Nun steht er exemplarisch für die neue Agenda, mit der Büroausstattung Anreize zu schaffen, die MitarbeiterInnen nach Monaten des Homeoffice zurück in die Räume der Unternehmen zu ziehen. Da darf es auch ein markanter Ausdruck sein, wie in Form des ausladenden "Wing Tip" Lounge Chair von Anderssen&Voll für LaPalma, "Ginger" von Sebastian Herkner für Ondaretta, der an einen hohen Kragen erinnert und mit dem Kontrast aus harten und weichen Materialien spielt, oder angesichts des runden Modells "LXR18" von Martin Ballendat für Leolux. Die Rückenlehne wurde dabei partweise vom Sitz getrennt und geht flüssig in die Armlehnen über, ergänzt um eine drehbare Eichentischplatte. Eine Freude an der Weiterentwicklung klassischer Formen ist vier Jahre nach dem revolutionären "D1" von Stefan Diez für Wagner ebenso bei dem Querschnitt der vorgestellten Drehstühle sichtbar: Dank versteckt verbauter Technik werden die Unterbauten luftiger, die Linien eleganter und die Sitze passen sich sanft den Bewegungen des Körpers an, wie bei "Polar" von Jorge Pensi Studio für Pedrali oder "Se:air" von Sedus.

Luftig sind auch die Baukastensysteme, die auf der Orgatec zu sehen waren, wie bei "Unit Systems" von Formuswithlove und Oka: Ein Toolkit für ArchitektInnen, dass die Freiheit gibt, auf Basis einer Verbindung unterschiedliche Möbel wie Regale, Sideboards, Raumtrenner oder Präsentationsflächen zu entwerfen und diese für eine neue Nutzung ohne großen Aufwand umzubauen. Kettal bietet mit Hilfe von "Pavilion O" die Möglichkeit eine flexible Architektur im Raum zu schaffen, die jederzeit verändert werden kann, beispielsweise für geschlossene Meetingbereiche oder offene Arbeitsplätze. "Bool" von UnternehmenForm kann zugleich Regal, Raumtrenner und Sideboard sein: Ein zentraler Verbindungskonten aus Aluminiumdruckguss verleiht der Stahlrohrstruktur unbegrenzte Konfigurations- und Anwendungsmöglichkeiten. In der Design Post stellte Stefan Diez zudem die Wandlungsfähigkeit des modularen Baukastens "D2" unter Beweis, mit dem sich auf der Basis von Wabenplatten aus glänzendem Aluminium oder Karton zahlreiche Strukturen und Möbel entwickeln lassen. Zusammengehalten werden diese von eigens entwickelten Aluminiumprofilen, finalisiert mit einem Beschlag aus Nylon. Neben den bereits bekannten geradlinigen Regalen, Schreibtischen und Präsentationsflächen realisierte er mit dem "D2" System nun Bögen, die Durchgänge überdachten und mit Einsätzen aus transluzentem Polykarbonat stylische Büroinseln bildeten. Ein weiteres Highlight aus dem Hause Wagner ist der Hocker "W3D": Ein 3D-gedruckter, beweglicher Aktivhocker aus Bio-Kunststoff, der für jede Körpergröße angepasst werden kann. Das dynamische Design von Hadi Teherani zeigt die Möglichkeiten auf, die der 3D-Druck mittlerweile in der Gestaltung bietet: Ein sechseckiger Sitz geht nahtlos in den skulpturalen Fuß über, der wirkt, als seien um ihn herum Stoffbahnen gespannt.

Neue Ausdrucksformen haben auch Hallgeir Homstvedt und Runa Klock für abstracta mit der Leuchte "Holly" gefunden: Eine Lichtskulptur, die aus großen, leuchtenden Milchglaskugeln und ihren nicht leuchtenden, akustischen Gegenstücken besteht, welche mit Textilresten und wiederverwertetem Polyester gefüllt sind und von 3D-Gewirk umhüllt werden. Akustik und Beleuchtung finden so in einer nachhaltigen Leuchte zusammen, die eine Ästhetik hat, die auch in Restaurants oder Hotels Anklang finden dürfte. Ebenso für jeden Raum individualisierbar ist das lineare Leuchtensystem "Ambrosia" von Ciszak Dalmas für Marset, dass die klare Gestaltung mit warmer, diffuser Beleuchtung kontrastiert. Schulte Elektrotechnik bietet darüber hinaus neue Nachrüstungsmöglichkeiten für den "EVOline Circle80". Diese sorgen dafür, dass die Drei-In-Eins-Lösung aus Steckdose, Doppel-USB-Charger und Kabeldurchlass noch mehr Möglichkeiten für die bedarfsgerechte Zusammenstellung bietet. Wie man das Erbe eines Traditionsunternehmens sanft und dennoch mit einer eigenen Handschrift in die Zukunft trägt, zeigen Thonet und Carl Hansen & Son: Sam Hecht und Kim Colin von Industrial Facility haben mit dem Stuhl "S220" für Thonet die klassischen Linien der ikonischen Bugholzstühle "214" und "209" aufgegriffen und mit aktueller Materialtechnologie als stapelbares, reduziertes Modell aus Sperrholz neu interpretiert. Das Resultat ist ein eleganter Stuhl mit ergonomischer Sitzschale und leichten Stahlholzrahmen. Carl Hansen & Son stellt derweil die neu aufgelegte "Foyer"-Serie aus Eichenholz, hellem Leder und handgefertigten Knöpfen von Vilhelm Lauritzen vor, die einst für das Radiohuset in Kopenhagen entworfen wurde und in jeder Architektur eine charmante Begleitung bietet.

Materials4Future: Sonderfläche zu nachhaltigen Materialinnovationen für das Arbeiten der Zukunft von Haute Innovation

Vom Buzzwort zur Voraussetzung

Multifunktional in der Verwendung, flexibel in der Ausführung, nachhaltig im Material – vor einigen Jahren war dieser Dreiklang noch eine kaum lösbare Aufgabe für viele BüromöbelherstellerInnen. Auf der diesjährigen Orgatec gehörte das Thema "Nachhaltigkeit" stattdessen ganz selbstverständlich zu den Präsentationen, so wie auch zugunsten der Müllreduzierung der Teppich aus den Gängen der Messehallen und von den meisten Ständen verschwand. Viele Produkte zeigten einen sortenreinen Aufbau, teils aus recycelten Materialien und ohne Kleber gefertigt, der sich zugunsten des Kreislaufs ohne Mühe zurück in die Bestandteile zerlegen lässt. Dazu zertifiziertes Holz, Lacke auf Wasserbasis sowie eine lokale Produktion, um lange Transportwege zu vermeiden. Ein wenig erstaunt war man bisweilen schon, welche Veränderungen angesichts der Klima-, Rohstoff- und Energiekrise statt nur bei wenigen VorreiterInnen nun auch bei dem Groß der HerstellerInnen möglich sind.

Werner Aisslinger
übersetzte für Thonet Raumteiler aus Holz und Bast in eine angenehm luftige wie nachhaltige Architektur, Jab Anstoetz realisierte mit kadawittfeldarchitektur die Installation "JAB StopMotion!" für die Textilien, Bödenbeläge, Climatex-Bezugsstoffe und Akustikmaterialien aus dem Sortiment wie Mobile über den Stand gehängt wurden. Mit "Climatex" stellte das Unternehmen zudem das weltweit erste Cradle to Cradle-zertifizierte Textilgewebe vor. Camira zeigte unter anderem den neuen Stoff "Main Line Twist", der aus reiner Wolle und geerntetem Flachs gewebt ist und sowohl für Bezüge wie Paneele und Vorhängen verwendet werden kann. Kvadrat Really präsentierte mit "Textile Tabletop" ein robustes, zirkulares Material für alle horizontalen Anwendungen, welches aus ausgedienter Baumwolle und Wolle hergestellt wird und komplett recycelbar ist. Giulio Rudolfo aktualisierte für Kvadrat nicht nur die Palette seines Wollbezugsstoffs "Steelcut" als "Steelcut 3" mit 19 neuen Farben, sondern entwickelte auch die karierte Version "Beat", die zu 100 Prozent aus recyceltem Polyester besteht und 2023 gelauncht wird. Rohi stellte mit "Milkyway" einen drei Meter langen Rapport aus 94 Prozent Schurwolle aus, dessen Musterung aus über 100.000 sternenartigen Punkten an eine Milchstrasse erinnert. Da sich der Rapport in der gesamten Länge nicht wiederholt und aus zwei Akzentfarben zusammensetzt wird, gleicht kein Ausschnitt dem anderen.

Ege Carpets verwendet Garne aus alten Fischernetzen, Industrieabfällen und Altteppichen und konzipiert die Kollektionen so, dass sie mit anderen Farbtönen, Materialien, Licht und Raum interagieren. Die Textildesignerin und Farbalchemistin Margrethe Odgaard hat in diesem Kontext 56 Farben zusammengestellt, die sich aufeinander beziehen und damit langfristig interessant bleiben. Interface konnte offiziell verlauten ein klimaneutrales Unternehmen zu sein, zertifiziert nach dem international anerkannten Standard PAS2060. Zu den Produkten gehört die neue Kollektion "Fresco Valley", welche den CO2-Fußabdruck von Räumlichkeiten reduziert und von natürlichen Oberflächen wie Holzmaserungen und Gesteinsschichten inspiriert ist. "Fair Furniture" proklamierte Vepa mit der Stuhlkollektion "Hemp", dessen Sitzschale aus Hanf und Harz besteht, somit aus einem nachwachsenden Rohstoff besteht und komplett recyclingfähig ist. Ebenso auf der Fläche entdecken konnte man den Stuhl "Blue Finn", der zu 85 Prozent aus dem Einweg-Verpackungsmüll besteht, der in Gesundheitsinstitutionen anfällt. "Man sollte nicht über Nachhaltigkeit nachdenken, sondern es einfach machen", so Gertjan de Kam, Design & Development Manager bei Vepa.

"Einfach mal machen" – das schaffte auch Kinnarps, und widmete die Präsentationsfläche für seine sechs Marken statt der reinen Produktschau unter dem Motto "Moving Workplaces Forward" der Nachhaltigkeit, der ganzheitlichen Ergonomie und den Lebenszyklen in der Bürowirtschaft. Parallel wurde ein speziell ausgerüsteter Lastwagen vorgestellt, in dem gebrauchte Drehstühle wiederhergestellt und aufgearbeitet werden. Der LKW ist Teil des Kinnarps-Konzepts "Circles of Change" zur nachhaltigen Kreislaufwirtschaft, das eine Reihe von verschiedenen Dienstleistungen anbietet, um die Lebensdauer von Möbeln zu verlängern. Ebenso fanden täglich Vorträge zu arbeitsspezifischen Themen statt, wie betreffend der Nachhaltigkeit in der Branche. "Flexibilität ist der Schlüssel für Stabilität", so ein Motto von Kinnarps. Als Büromöbelhersteller auf einer Fachmesse nach vierjähriger Pause in erster Linie die Bemühungen für Zirkularität statt die Produkte nach vorne zu stellen – vor so viel mutigen Engagement kann man nur den Hut ziehen.

Neben den bereits etablierten HerstellerInnen konnten auch Materialstudien entdeckt werden: Dem Titel “Materials4Future – Nachhaltige Materialien für die Zukunft der Arbeit” widmete die Zukunftsagentur Haute Innovation auf der Orgatec eine Sonderfläche – und zeigte unter anderem "HygroShape" der ICD Universität Stuttgart, das erste Konzept für selbstformende Möbel, das Forschungsprojekt "Wandelbarer Holzhybrid" des Fachbereich Architektur an der TU Kaiserslautern, Oberflächen aus Seegras von Metis Seagrass oder 3D Druck auf der Basis von pflanzenbasierten Kunsstoff seitens Aectual Circular. Spannend ist auch die Idee der Produktdesignerin Ineke Hans, die für ihren Stuhl "Rex" aus Recycling-Kunststoff gemeinsam mit Circuform ein Pfandsystem erdacht hat, das es den KundInnen ermöglicht, diesen nach einer langjährigen Nutzungsdauer an einer Station zurückzugeben und einen Teil des Kaufpreises erstattet zu bekommen. Die alten Stühle können dann entweder repariert oder recycelt werden. Palmberg bewies, dass eine nachhaltige Standarchitektur auch aus den Produkten des Büros erstellt werden kann und kreierte transparente Außenwände aus schwarzen Metallpapierkörben, die waagerecht positioniert zu einem Ensemble verbunden wurden.

Kinnarps

Netzwerke nutzen

Voneinander lernen und gemeinsam über die aktuellen Herausforderungen und Möglichkeiten diskutieren – die diesjährige Orgatec bot hierzu zahlreiche Gelegenheiten, wie in Form von Vorträgen, Kongressen und Talks, zum Beispiel seitens des Industrieverband Büro und Arbeitswelt e. V. (IBA). Auch in der Design Post hatten die Gäste die Möglichkeit in den Austausch mit Kreativen und HerstellerInnen zu treten, wie bei Arper unter den Mottos "Interpreting The Project of Living – How do we want to live?" und "Designing The World We Live In" oder bei Kvadrat in Form eines Austausches zur Nachhaltigkeit mit Wickie Meier Engström, Kvadrat Really Director & Partner. Ebenso veranstaltete die Design Post ein internationales Panel, das die Materialität und ihre zentrale Rolle bei der Ausrichtung der Möbel- und Einrichtungsindustrie auf eine nachhaltigere Zukunft thematisierte. Teil dessen waren GestalterInnen und ArchitektInnen wie Ineke Hans, Hadi Teherani, Marius Myking, Charlotte von der Lancken oder Shawn McKell vom Impact-Tech-Start-up Doconomy, das in neue Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels investiert.

Im Rahmen der Auszeichnung "AW Designer des Jahres 2022" konnte der international erfolgreiche Industriedesigner Stefan Diez, ein Vorreiter der Kreislaufwirtschaft im Design, in der einzigartigen Atmosphäre des Parkdecks der Design Post eine umfangreiche Werkschau realisieren und seine Arbeiten für unter anderem Vibia, Midgard, Brunner, Magis oder Wagner in Szene setzen. Parallel wurden Cesare Bizzotto und Tobias Nitsche von From Industrial Design, als AW Nachwuchsdesigner ausgezeichnet und konnten Seite an Seite mit dem Diez Office ihre Arbeiten dem Publikum vorstellen. Über den Zeitraum der Orgatec hinaus darf bis zum 21. November 2022 eine weitere Ausstellung entdeckt werden, die der Juwelier Wempe gemeinsam mit dem Vitra Design Museum realisiert hat: Im Stollwerck-Haus der Rheinmetropole wurde im Zuge des Umbaus ein Retail-Design von Ettore Sottsass, dem Mitbegründer der Memphis-Gruppe, entdeckt und behutsam freigelegt. Komplettiert wird die außergewöhnliche Kulisse mit der Ausstellung: "Ettore Sottsass. Memphis Design 1981 – 1987". Dr. Mateo Kries, Direktor des Vitra Design Museum, hat die Schau kuratiert und hierfür aus der Sammlung 13 Exponate der Memphis-Gruppe ausgewählt, wie die Leuchte "Ashoka" oder das Sitzmöbel "Teodora".

Viel zu sehen gab es anlässlich der Orgatec also, sowohl in Köln, wie in der Design Post und in den Messehallen selbst. Das Neuheitengewitter der Produkte blieb zwar trotz der langen Abwesenheit der Fachmesse aus, da viele HerstellerInnen in der Zwischenzeit mit ihrer Präsentation auf andere Plattformen und Events ausgewichen waren, die im jährlichen Turnus stattfinden – wie dem Salone del Mobile in Mailand oder den 3daysofdesign in Kopenhagen. Auch fehlten einige Schlachtschiffe der Branche, wie Vitra. Wilkhahn entschied sich für eine einzigartige Präsentation in dem prächtigen neugotischen Gebäude von "The Qvest" in der Kölner Innenstadt, statt in den Hallen der Kölnmesse auszustellen. Diese Situation gab allerdings auch kleineren AusstellerInnen die Möglichkeit, mit ihren Schauen aus dem Schatten der Großen zu treten. Insgesamt waren anhand der Vorstellungen die großen Bemühungen abzulesen, auf die zahlreichen Herausforderungen, die sich die Branche aktuell gegenüber sieht, eine universelle Antwort zu finden. Ein tiefgreifender Umschwung á la Memphis ist in der zunehmend komplexen Industrie sicher nicht auf die kurze Sicht möglich, aber das Engagement der HerstellerInnen und die zukunftsweisenden Ideen der Kreativen zeigen durchaus, dass es gemeinsam möglich ist, Prozesse und Strukturen auch in wenigen Jahren zu optimieren. Die Orgatec 2022 war ein weiterer wichtiger Schritt auf diesem Weg.