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Zum Salone del Mobile in Mailand ließ der österreichische Designer und Kurator Robert Stadler im Auftrag des Möbelherstellers Vitra über 200 Objekten auftreten.
Zum Salone del Mobile in Mailand ließ der österreichische Designer und Kurator Robert Stadler im Auftrag des Möbelherstellers Vitra über 200 Objekte auftreten.
© Vitra
Zum Salone del Mobile in Mailand ließ der österreichische Designer und Kurator Robert Stadler im Auftrag des Möbelherstellers Vitra über 200 Objekte auftreten.

Salone del Mobile 2018
Der Möbelversteher

Robert Stadler verleiht in der Ausstellung "Typecasting. An Assembly of Iconic, Forgotten and New Vitra Characters" Möbeln eine Stimme. Hören wir zu!
von Jasmin Jouhar | 24.04.2018

Normalerweise sind sie stumme Diener, unsere Möbel. Sie stehen herum, jedes Stück an seinem Platz, und warten geduldig darauf, benutzt zu werden. Robert Stadler hat die Stühle, Hocker, Kommoden und Tische jetzt zum Sprechen gebracht, mit seiner Ausstellung "Typecasting. An Assembly of Iconic, Forgotten and New Vitra Characters". Und siehe da: Sie haben wirklich etwas zu erzählen, manche sind sogar regelrecht geschwätzig. Zum Salone del Mobile vergangene Woche in Mailand ließ der österreichische Designer und Kurator im Auftrag des Möbelherstellers Vitra über 200 Objekten auftreten, in der Ausstellungshalle La Pelota in Brera. Nicht wie auf der Messe oder im Laden sortiert nach Einsatzort und Funktion, sondern als soziale Wesen mit Charakter, Attitüden und Spleens, in sieben Gemeinschaften versammelt – und bereit zum Gespräch.

Der hölzerne Sekretär von Ettore Sottsass beispielsweise ruft uns zu: "Seht euch meine vielen Fächer an, da könnt ihr alle eure Sachen ordentlich verstauen." Das "Alcove Sofa" von Vitra wiederum flüstert: "Setzt euch doch und lehnt euch zurück. Hier könnt ihr in Ruhe reden." Ganz anders dagegen "Stool-Tool" von Konstantin Grcic. Der Hybrid aus Hocker und Kiste zischt: "Macht es euch bloß nicht bequem auf mir. Es gibt noch viel zu tun!" Und das altrosa Sofa von Isamu Noguchi, das lockt mit aparten Rundungen: "Schaut mich an, ich bin viel zu schön, um einfach an mir vorbeizugehen. Nehmt doch Platz." Auch untereinander haben sich die Möbel einiges zu sagen. Der "Alu Chair" flirtet mit einem durchgeknallten Achtbeiner von Gaetano Pesce – hätte man dem seriösen Everybody’s Darling gar nicht zugetraut. Verner Pantons "Living Tower" winkt über die Jahrzehnte hinweg Makkink & Beys kratzbaumartiger "Social Sculpture" zu, während der "Landi Chair" dem "Marshmellow Sofa" die kalte Aluschulter zeigt.

Zwiegespräch unter Möbeln: Stadler sortiert das Vitra-Sortiment als soziale Wesen mit Charakter, Attitüden und Spleens.
Zwiegespräch unter Möbeln: Stadler sortiert das Vitra-Sortiment als soziale Wesen mit Charakter, Attitüden und Spleens.
© Vitra
Zwiegespräch unter Möbeln: Stadler sortiert das Vitra-Sortiment als soziale Wesen mit Charakter, Attitüden und Spleens.

"Ich wollte den sozialen Aspekt von Möbeln herausstellen", erzählt Robert Stadler beim Gespräch in der Ausstellung. "Daher präsentiere ich sie als Persönlichkeiten." Das Konzept des titelgebenden "Typecasting" hat er sich bei der Film- und Theaterbranche ausgeliehen, die Schauspieler nach bestimmten Typen besetzt, etwa als Bösewicht oder junge Schönheit. In der Ausstellung gibt es zum Beispiel die "Beauty Contestants", die wie bei einem Modellwettbewerb mit ihrer ansprechenden, häufig organischen Erscheinung um unsere Gunst werben. Die "Spartans" haben das natürlich nicht nötig: Minimalisten wie Maarten van Severens Liege oder Jasper Morrisons Sperrholzstuhl sind sich selbst genug. Komfort? Was für eine Anbiederung! Hübsch auch die mehr oder weniger passenden Paarungen in der Abteilung "Dating Site Encounters" – so heißen die manchmal befremdlichen, realen Begegnungen beim Online-Dating.

Für die Ausstellung konnte Stadler Objekte aus Vitras aktuellem Katalog auswählen, aber auch aus dem Firmenarchiv und den Beständen des Vitra Design Museums. Vom Großserienstuhl bis zum Prototyp ist alles dabei. "Es ging mir darum, ein Panorama zu zeigen: Vitra gestern, heute, morgen. Diese starke Art, Möbel zu produzieren und zu sammeln, die Vitra auszeichnet", sagt der Kurator. Die geschichtliche Perspektive wird besonders deutlich in der zentralen Gruppe, den "Communals". Objekte also, die uns mit anderen zusammenbringen sollen, zum Gespräch, zur Arbeit. Klingt zeitgeistig. Ist es auch, wie Stadler selbst und Kollegen wie die Bouroullecs, Barber Osgerby oder Grcic mit eigens für die Ausstellung gestalteten Möbelstudien zeigen. Stadler etwa hat eine gepolsterte Plattform mit vier drehbaren Lehnen entworfen. "Hybrid" würde perfekt in den Open Space eines Start-ups passen, wo die Mitarbeiter zwanglos mal zusammen und mal für sich arbeiten. Dass solche Ideen aber ganz und gar nicht neu sind, daran erinnert der Kurator mit historischen Exponaten wie Pantons Sixties-Ikone "Tower" oder der genialen Ausziehtisch-Bank-Kombination "Tabula Rasa" von Ginbande aus den Achtzigern. Wie viel wir wohl noch lernen könnten, wenn wir unseren Möbeln öfter mal zuhören würden?

"Es ging mir darum, ein Panorama zu zeigen: Vitra gestern, heute, morgen. Diese starke Art, Möbel zu produzieren und zu sammeln, die Vitra auszeichnet", so Robert Stadler.
"Es ging mir darum, ein Panorama zu zeigen: Vitra gestern, heute, morgen. Diese starke Art, Möbel zu produzieren und zu sammeln, die Vitra auszeichnet", so Robert Stadler.
© Vitra
"Es ging mir darum, ein Panorama zu zeigen: Vitra gestern, heute, morgen. Diese starke Art, Möbel zu produzieren und zu sammeln, die Vitra auszeichnet", so Robert Stadler.
Für die Ausstellung konnte Stadler Objekte aus Vitras aktuellem Katalog auswählen, aber auch aus dem Firmenarchiv und den Beständen des Vitra Design Museums.
Für die Ausstellung konnte Stadler Objekte aus Vitras aktuellem Katalog auswählen, aber auch aus dem Firmenarchiv und den Beständen des Vitra Design Museums.
© Vitra
Für die Ausstellung konnte Stadler Objekte aus Vitras aktuellem Katalog auswählen, aber auch aus dem Firmenarchiv und den Beständen des Vitra Design Museums.