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Thonet und das Studio Besau Maguerre ließen mit meterlangen Stoffbahnen das "Café Samt und Seide" von Ludwig Mies van der Rohe und Lilly Reich wiederauferstehen.

imm cologne 2019
Vor, zur Seite und zurück

Kontraste, Visionen und das Bauhaus: Unser Messerückblick zur imm cologne 2019.
von Anna Moldenhauer | 25.01.2019

"Kommst du mit in den Alltag?" – so haben wir den Review zur imm cologne im letzten Jahr betitelt. Beim Gang durch die Hallen bekam man da doch allzu oft das Gefühl, das bei Herstellern und Kreativen der Mut verflogen war, mit ungewöhnlichen Ideen und neuen Konzepten voranzugehen. Entsprechend groß ist die Freude, auf der diesjährigen internationalen Möbelmesse in Köln wieder Statements entdecken zu dürfen. Die auffälligste Kehrtwende zeigte sich wohl bei Fritz Hansen, dessen Stand mit einer neuen Corporate Identity überraschte: Jung, modern und ungewohnt kleinteilig präsentierte sich der dänische Hersteller, statt mit der bisher gewohnten cleanen Ästhetik und einer traditionellen Atmosphäre. Zudem wurde das "Republic of" zugunsten einer besseren Nahbarkeit aus dem Namen entfernt. Bei der Erkundung des verwinkelten Stands traf man auf eine raumfüllende Skulptur in Pink, die prächtigen Blumensträußen als Podest diente – eine Farbe, die einem bislang sicher nicht in den Sinn gekommen wäre, wenn man vom edlen skandinavischen Chic des Fritz Hansen träumte. Vom süßen Rosé bis zur Pantonefarbe des Jahres, dem hellen Korall – das farbliche Spektrum der Farbe Rot zog sich durch das Gesamtbild der imm cologne wie Zuckerwatte. Wer es lieber etwas knalliger mochte, wurde zum Glück auch fündig: Kräftiges Sonnengelb, strahlendes Royalblau und sattes Orange leuchteten z. B. an den Ständen von Ames, Montana, E15 oder Objekte unserer Tage.

Fritz Hansen: Mit neuem CI präsentierte sich der dänische Hersteller überraschend jung, modern und ungewohnt kleinteilig.
Üppige Aussichten: Bei dem Gang durch den Stand von Fritz Hansen traf man auf eine raumfüllende Skulptur in Pink, die prächtigen Blumensträußen als Podest diente.

Frischer Wind und eine Neuausrichtung bot auch Burgbad: Der erste Auftritt des Weltmarktführers im Bereich Badmöbel auf der imm cologne glich einem Paukenschlag. Stefan Diez hat für Burgbad mit "rgb" ein Baukastensystem entwickelt, das nicht nur im Badezimmer, sondern in jedem Wohnraum ein funktionaler Hingucker ist. Farbige Glasflächen in unter anderem Rot, Gelb und Blau geben den Ton an. Gehalten von Aluminium-Extrusionsprofilen bilden sie Korpusse, Regale, Waschtische oder Trennwände – flexibel veränderbar, robust und wasserfest. Wahlweise ergänzt um Wäschekörbe aus Edelstahl, Schubläden aus Aluminium und Steinplatten hat der Baukasten eine Logik, die sich schnell und einfach verändern lässt. Die sichtbare Technik reduzierte Diez indes zugunsten der Ästhetik auf ein Minimum. Und dank des Angebots an Weißraum in der Standgestaltung war selbst das ästhetische Spiel der farbigen Flächen mit Licht und Schatten eindrucksvoll zu beobachten.

Ebenso zeigte "das Haus" in diesem Jahr neue Wege auf: Kate und Joel Booy von Truly Truly setzten auf organisches Wohnen. Entsprechend der fließenden Übergänge zwischen Wohnen und Arbeiten bot ihre Version vom Haus multifunktionale Lösungen. Eingefasst wurde die Fläche lediglich von Stoffbahnen, lockere Trennung boten Pflanzen und drehbare Paraventelemente. Das Designstudio aus Rotterdam schafften auf 180 Quadratmetern statt abgetrennter Räume offene Bereiche, die unterschiedliche Atmosphären von Aktiv bis Zurückgezogen boten. Entsprechend den heutzutage fließenden Übergängen von Wohnen und Arbeiten konnten die offenen Zonen so ganz nach Bedarf genutzt werden, ohne dass eine vorbestimmte Funktion zu dominant den Raum bestimmen würde. Auch in der Materialkombination setzten Truly Truly auf experimentelle Offenheit: Glasierte Lavasteinfliesen trafen auf polierten Edelstahl, weiche Textilien auf massives Holz. Mit ihrem Entwurf für das Haus kombinierten Kate und Joel Booy in sanften Tönen Funktion und Erleben zu einem entspannten Gesamtbild, dass trotz seines offenen Charakters die Entdeckungsfreude nicht schmälerte.

Stefan Diez hat für Burgbad mit "rgb" ein Baukastensystem entwickelt, das nicht nur im Badezimmer, sondern in jedem Wohnraum ein funktionaler Hingucker ist.
Gehalten von Aluminium-Extrusionsprofilen bilden die Glasflächen Korpusse, Regale, Waschtische oder Trennwände – flexibel veränderbar, robust und wasserfest.

Verspielter Glanz

Die Liebe zum Detail zeigte sich weiterhin hinsichtlich der Effekte mit Edelmetallen: Schönbuch präsentierte den Servierwagen "Grace" von Sebastian Herkner in Gold. Und auch bei den Nachbarn durfte vom Tischfuß, wie bei "Harri" von Peter Fehrentz für More, bis zum Möbelgriff weiter geglänzt werden. Dazu zog sich eine neu entdeckte Freude an Akzenten, seien sie prächtig oder verspielt, einmal quer durch das Interieur: Ingo Maurer setzte auf schwungvolle Dynamik und filigrane Falter in Form der Papierleuchten "Oop's" und "La Festa delle Farfalle". Uli Budde knickte für Echtstahl ein Eselsohr in einen Rundspiegel, um an diesen mit Magneten Notizen zu befestigen. Und Pauline Deltours Hocker "Cana" erinnerte auf den ersten Blick an Brause-Ufos, auch wenn eigentlich Sonnenhüte aus den Fasern der Palmenart Caña Flecha die Designerin zu dieser Form bewogen hatten. Für Verspieltheit schon bekannt, legte Petite Friture indes den Rückwärtsgang ein und färbte Kissen und den Bezug des Sofas "Nubilo" wie eine Regenwolke in Graustufen, statt in der gewohnten Pastell-Ästhetik.

"Parrot" von Timon und Melchior Grau, Tobias Grau
"Maraca" von Sebastian Herkner, Ames
"Lola" von Bodo Sperlein, Schönbuch
"Flap" von Uli Budde, Echtstahl

Überfluss im Bauhaus

Begleiteten die aktuellen Trendfarben den Besucher der imm cologne eher sanft durch die Hallen, trumpfte ein Thema deutlich auf: Zum 100-jährigen Jubiläum des Bauhaus nutzten zahlreiche Lizenzhalter die Lehre der berühmten Bildungsstätte als Inspiration für die Gestaltung von Produkt und dessen Präsentation am Stand. Tecta, von jeher tief mit dem Bauhaus verbunden, wagte das Experiment und ließ die klassischen Entwürfe vom Walter Gropius Sessel "F51" bis zum Marcel Breuers Clubsessel "D4" mit Hilfe von Nachwuchsdesignern für das "BauhausNowhaus" neu und äußerst farbenfroh interpretieren. Gelungen umgesetzt, mussten sich die Kreationen auch vor der auf 200 Stück limitierten Neuauflage von Gerrit Thomas Rietvelds "Tafellampje" keinesfalls verstecken. Thonet ließ gemeinsam mit dem Studio Besau Maguerre das "Café Samt und Seide" von Ludwig Mies van der Rohe und Lilly Reich wiederauferstehen. Einst als Messestand für den Verein deutscher Seidenwebereien entworfen, gliederten allein meterlange Stoffbahnen eine Fläche, die wie schon 1927 ebenso Rückzugsort wie Kommunikationszentrum war.

Gleichermaßen verneigten sich Knoll mit OMA sowie Wittmann mit dem hauseigenen Design Team und dem Architekten Antoine Simonin von Studio Asaï in der Standgestaltung vor dem weitreichenden Einfluss der einstigen Schule für Architektur, Design und Kunst. Knoll, zum ersten Mal auf der imm cologne, wob dem Bauhaus einen ganzheitlichen Kranz: Mit Bezug auf die Bauten von Mies van der Rohe war der Stand in die Themen Krefeld, Weissenhof, Barcelona und die Villa Tugendhat unterteilt. Zum Jubiläum wurde zudem unter anderem eine limitierte Edition des Barcelona-Chairs präsentiert, dessen Entwurf ebenso aus der Feder von Mies van der Rohe und Lilly Reich stammte. 365 Stück umfasst die neue Edition des "Pavilion Chairs", den das Duo 1929 für den deutschen Pavillon der Weltausstellung in Barcelona entworfen hatte – für jeden Tag des Bauhaus-Jahres einer. Dunkelgrünes Leder und ein schwarz verchromtes Gestell verleihen dem Entwurf von 1929 einen neuen Charakterzug. Für Knoll ließen sich EOOS darüber hinaus vom Farnsworth House des Architekten van der Rohe inspirieren und übersetzten dies in das Sideboard "The Farns". Wer mochte, konnte zudem an einem Bauhaus-Talk mit Prof. Wolfgang Sattler von der Bauhaus-Universität Weimar teilnehmen.

ClassiCon dachte parallel Eileen Greys "Daybed" von 1925 weiter, und ließ es in Länge und Breite wachsen. Abgerundet wurden des Möbel neue Kleider mit bordeauxrotem Samt und einem mattschwarzen Gestell. Die Moderne und ihre Entwürfe waren auf der Messe derart omnipräsent, dass man schon zum Beginn des Bauhaus-Jahres dem Thema ein wenig satt war. Teils waren die Bezüge auch etwas schwierig nachzuvollziehen – so wurde Hellgrau mehrmals zur Bauhaus-Farbe erklärt und eine simple Grafik auf Textil reichte schon, um vollmundig den Blick nach Weimar zu richten.

Interpretation des F51 von Katrin Greiling für Tecta

Realität und Matrix

Neben aller Ehrung der Tradition blitzte auf der Messe auch die Zukunft durch: Der knallgrüne Stand von der Kreativagentur Meiré und Meiré für New Tendency entpuppte sich als Greenscreen, den man allein durch das Scannen eines QR-Codes zum Leben erwecken konnte: Alle Accessoires und Möbel ließen sich über das Handydisplay in einer anderen Farbe der Palette von New Tendency anzeigen. Auch Alfredo Häberli nutzte auf der Living Kitchen die digitale Technik, um mittels grüner Box eine virtuelle Küche auf den Bildschirmen der Besucher erscheinen zu lassen. Angesichts dieser effektvollen Präsentation wirkten die in Möbel integrierte Ladepunkte für Smartphones schon wie ein alter Hut. Auch das bis dato wieder aufgeflammte Retro-Flair der Siebziger Jahre trat deutlich zurück: Die einst ausladenden Sitzlandschaften rappelten sich ein paar Zentimeter vom Boden auf. Wer bislang alle Viere quer auf der Liegeinsel ausgestreckt hatte, wurde nun in der sitzenden Haltung von abgerundeten Sofalehnen umarmt. Heimelig umschlossen und in organische Formen gekuschelt, durfte man dabei die Hände über weiche Bezüge gleiten lassen, die mitunter an ein Teddyfell erinnerten.

Der knallgrüne Stand von der Kreativagentur Meiré und Meiré für New Tendency entpuppte sich als Greenscreen.

Das neben einer angenehmen Haptik auch die Nachfrage nach flexiblen, platzsparenden Lösungen gefragt war, wurde auf der Messe deutlicher als bisher sichtbar: Müller Small Living bot entsprechend ihrem Firmennamen gleich mehrere Lösungen für den kleinen Raum. Den Stylepark Selected Award konnte der Tisch "Duotable" von Michael Hilgers abräumen, der mit großem Staufach und einem Kabelmanagement unter der klappbaren Fläche überzeugte. Schönbuch zeigte das Paraventsystem "Lola" von Bodo Sperlein, das mit bis zu fünf Elementen als Raumtrenner eine gute Figur macht und gleichzeitig mit Regalbrettern und Aufhängeelementen als stummer Diener taugt. Für das flexible Licht sorgten Melchior und Timon Grau, die Söhne von Tobias und Franziska Grau. Mit "Parrot" kreierten sie eine kabellose Stehleuchte, die sich dank integriertem Akku und leichten Aluminiumkörper flexibel bewegen lässt.

Bewegung und Interaktion waren nicht nur auf dem Stand von Tobias Grau zentral: Allgemein durfte der interaktiv gewillte Besucher auf der Messe viel hin und her klappen. Seien es Arm- und Rückenlehnen, ganze Sofas oder Tischflächen. Ligne Roset bot so mit "Clam" ein geschwungenes Schlafsofa, dessen seitlich überstehende Falte im zusammengeklappten Zustand als Armlehne dient. Bei "Avalanche" von Cor wird die Sitzposition mit einer umklappbaren Rückenlehne unterstützt. Den passenden, flexibel erweiterbaren Tisch zeigten unter anderem Arco mit "Shift" von Jorre van Ast, Team 7 mit "tema" oder E15 mit der "Basis Workstation" von David Chipperfield. Das gewisse Extra einer monumentalen Tafel durfte aber auch auf dieser imm cologne nicht fehlen – bei Girsberger nahm man so gleich an einer knapp sieben Meter langen Massivholzplatte Platz, die aus einem äußerst wachsfreudigen Walnussbaum stammte. Matthias und Hubert Sanktjohanser kreierten aus dem hochfesten Werkstoff FENIX NTM den Tisch "mono", der trotz seines robusten Charakters ein wahrer Handschmeichler ist. Geschmeichelt fühlte sich sicher auch Sebastian Herkner, dessen Namen man auf der Messe quasi im Minutentakt begegnete, von Pulpo über Schönbuch, Gloster, Cassina, Thonet, Wittmann oder Ames. Kein Wunder, stand parallel zur imm cologne doch schon bereits die Pariser Messe Maison & Object in den Startlöchern, auf der Herkner zum Designer des Jahres 2019 gekürt wurde.

"Clam" von Léo Dubreil & Baptiste Pilato, Ligne Roset
"Duotable" von Michael Hilgers, Müller Möbelwerkstätten

Hatte man genug von Details und wollte lieber das große Ganze sehen, bot die imm cologne 2019 auch auf der Metaebene interessante Ansätze: Das Thema der Nachhaltigkeit wurde von Casalis in die Kollektion "Earth" übersetzt. Liset van der Scheers Intention die Erfahrung des Wanderns durch einen Wald in den Innenbereich zu übertragen, zeigt sich im Ergebnis mitunter in einem zu hundert Prozent biologisch abbaubaren Teppich. Dessen strukturierte Oberfläche ist mit einer 3D-Tufting-Technik erstellt, die Textur und das Aussehen von Moos nachahmt. Bei Ligne Roset konnte man das Outdoorsofa "Saparella" von Michael Ducaroy und den Teppichläufer "All The Way" entdecken, der von der portugiesischen Textildesignern Susana Godinho gefertigt wurde. Als einziges weltweit stellt ihr Unternehmen Sugo Cork Rugs Korkteppiche her. Für "All The Way" ging Godinho noch einen Schritt weiter und recycelte Kork-, Baumwoll- und Wollreste zu einem Teppich in Natur- und Pastelltönen.

Kvadrat präsentierte ferner den Stoff "Patio" von Karina Nielsen Rios und wagte sich damit das erste Mal ins Freie: "Patio" ist Outdoor-geeignet und wird aus einem speziell entwickelten Trevira CS-Garn hergestellt, fluorcarbonfrei und somit umweltfreundlich. Auch wenn man sich im Januar bei Minusgraden die Sommerfrische noch nicht so recht vorstellen konnte – die imm cologne verlegte den Wohnraum gedanklich schon mal nach draußen. So bot String mit dem "String System Outdoor" aus galvanisiertem Stahl das passende Regalsystem, Sebastian Herkner entwarf für Ames den farbenfroh gestreiften Outdoor-Loungechair "Maraca" und Muuto setzte mit "Linear Steels" von Thomas Bentzen auf geschweißten Stahl mit matter Pulverbeschichtung.

Viele spannende Neuheiten, mutige Schritte und ein langer Blick zurück – die diesjährige imm cologne zeigte erfreulicherweise wieder die Bedeutung der internationalen Möbel- und Einrichtungsmesse für die Branche und schaffte neue Perspektiven für den Blick nach vorn.

"Das Haus": Kate und Joel Booy von Truly Truly setzten auf fließende Übergänge und multifunktionale Lösungen.

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